Deutsch
Ελληνικά
18.06.2012 21:48 Alter: 6 yrs

Vortrag beim Festakt der Griechisch-Orthodoxen Metropolie in Bonn zum Namenstag Seiner Allheiligkeit Patriarch Bartholomaios am 11. Juni 2012

Bischof Dr. Felix Genn


Neuevangelisierung als gemeinsamer Auftrag der römisch-katholischen

und

der orthodoxen Kirche in Deutschland

 Exzellenz,

verehrter Metropolit Augoustinos,

liebe Schwestern und Brüder im Herrn,

 

mit großer Dankbarkeit stehe ich heute vor Ihnen, und ich sehe es als eine hohe Wertschätzung Ihrerseits, Exzellenz Augoustinos, mich zu diesem Wort im Rahmen der Liturgie einzuladen, die wir aus Anlass des Namenstages Seiner Allheiligkeit Patriarch Bartholomaios feiern. Ich ordne unsere Begegnung ein in eine wertvolle Zusammenarbeit, die ich seit der Heilig-Rock-Wallfahrt 1996 in Trier mit der Griechisch-Orthodoxen Metropolie in der Bundesrepublik Deutschland erfahren durfte. So nehme ich diesen Ort auch als gute willkommene Gelegenheit, Ihnen, liebe Schwestern und Brüder aus unserer Schwesterkirche, in der Gestalt Ihres Metropoliten zu danken für das gute Miteinander, das ich als Bischof von Essen und jetzt als Bischof von Münster mit Ihnen erfahren darf. Gerne möchte ich mit ein paar Anregungen zu einem Begriff, der gerade für den seligen Papst Johannes Paul II. ein Kernthema seiner bischöflichen Wirksamkeit gewesen ist, auf unseren gemeinsamen Auftrag blicken, der uns durch den Auferstandenen mitgegeben wurde, wenn Er in Seinem Taufbefehl kurz vor Seiner Himmelfahrt nach dem Ausweis des Matthäus-Evangeliums sagt: „Geht und macht alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehrt, alles zu halten, was ich euch geboten habe“ (Mt 28, 19 f.).

Wenn ich nun im folgenden einige Gedanken zur Neuevangelisierung entfalte, dann richte ich  heute den Blick auf die Neuevangelisierung als gemeinsamen Auftrag der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche in Deutschland. Um so mehr möchte ich zu Beginn erwähnen, dass ich mich in diesem christlichen Kernanliegen auch mit den anderen christlichen Konfessionen in unserem Land und darüber hinaus verbunden weiß, wofür ich sehr dankbar bin.

 

1.         Neuevangelisierung als Anliegen der letzten Päpste

 

Im Kern beginnt diese Aufgabe schon da, wo Natanaël, der in unserer Tradition mit dem Apostel Bartholomäus gleichgesetzt wird, durch den Apostel mit dem griechischen Namen Philippus aus Bethsaida auf Jesus hingewiesen wird. Dieser Philippus trifft den Natanaël und sagt zu ihm: „Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben: Jesus aus Nazaret, den Sohn Josefs“ (Joh 1, 45). Wir wissen, dass gerade diesem Natanaël, dem hl. Bartholomäus, vom Herrn selbst die Verheißung gegeben wurde, dass er Größeres sehen wird, nämlich: „Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn“ (ebd. 51). Im Kern haben wir hier ein Muster für die Evangelisierung, weil nämlich jemand von Jesus „gefunden“ wird, so wie es wörtlich im griechischen Text über die Begegnung des Philippus mit dem Herrn heißt, es sofort weitersagt und andere zu Jesus führt, wie es auch Andreas mit Petrus nach dem selben Bericht des Johannes-Evangeliums getan hat. Dennoch muss auch der, der von einem anderen auf Jesus hingewiesen wird, seine eigenen Erfahrungen mit diesem Jesus machen, von Ihm geradezu überwältigt werden, um eine noch größere Verheißung zu empfangen.

 

So geschieht dieser Missionsauftrag bis heute: Menschen werden zu Jüngern Jesu, weil andere sie darauf hinweisen, diese den Hinweis aufgreifen, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Herrn machen und wieder andere zu Jesus führen. So auch können wir die Neuevangelisierung sehen, von der die Päpste seit Paul VI. sehr eindrücklich immer wieder gesprochen haben und sprechen. In Erinnerung an den Beginn des II. Vatikanischen Konzils im Jahre 1962, also vor genau 50 Jahren, hat Papst Benedikt eine Synode für den Oktober diesen Jahres anberaumt, die sich sehr ausdrücklich dem Thema der Neuevangelisierung widmen soll. Gleichzeitig hat der Papst für die Zeit vom 11. Oktober an bis zum Jahr 2013 ein Jahr des Glaubens ausgerufen, um auf diese Weise zu signalisieren, dass das Erbe dieses großen Konzils nicht einfach als ehrwürdig zu bestaunendes Erbstück angesehen werden kann, sondern immer wieder neu verlebendigt werden muss. Das Grundanliegen des II. Vatikanischen Konzils sehe ich in einer Aussage zusammengefasst, die sich in einem Dokument findet, das normalerweise im Schatten der großen Konstitutionen über die Heilige Liturgie, die Kirche, die Offenbarung und die Sendung der Kirche in der Welt steht, nämlich in der Erklärung über die christliche Erziehung. In dieser Erklärung setzen sich die Konzilsväter auseinander mit dem „sehr schwerwiegenden Moment der Erziehung im Leben des Menschen und ihren Einfluss auf den gesellschaftlichen Fortschritt der Gegenwart“ (GE 1) und bringen es zusammen mit dem Auftrag der Kirche, „das Heilsmysterium allen Menschen zu verkünden und alles in Christus zu erneuern“ (ebd.), so dass „ihrer Sorge auch das ganze irdische Leben des Menschen aufgegeben ist, insofern es mit der himmlischen Berufung im Zusammenhang steht“ (ebd.). Aufgabe der christlichen Erziehung ist es nun, „nicht nur die Reifung der menschlichen Person zu erstreben, sondern hauptsächlich darauf abzuzielen, dass die Getauften, indem sie stufenweise in die Erkenntnis des Heilsmysteriums eingeführt werden, der empfangenen Gabe des Glaubens immer mehr bewusst werden. Sie sollen lernen, Gott den Vater im Geist und in der Wahrheit vornehmlich durch die Mitfeier der Liturgie anzubeten und ihr eigenes Leben nach dem neuen Menschen in Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit zu gestalten. So sollen sie zur Mannesreife gelangen, zum Vollmaß des Alters Christi, und so zum Aufbau des mystischen Leibes ihren Beitrag leisten. Überdies sollen sie sich im Bewusstsein ihrer Berufung darin einüben, Zeugnis abzulegen für die Hoffnung, die in ihnen ist, und an der christlichen Weltgestaltung mitzuhelfen“ (ebd. 2).

 

Auf der Linie dieses Zieles sehe ich die gesamte lehramtliche Verkündigung der Päpste     Paul VI., des seligen Johannes Paul II. und von Papst Benedikt XVI., wenn wir von Evangelisierung sprechen. Zehn Jahre nach dem Konzil hat Papst Paul VI. in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii nuntiandi“ als Ergebnis der Synode von 1974 diesem Ziel der Evangelisierung ein eigenes lehramtliches Dokument gewidmet. Ich halte dieses Dokument weiterhin für maßgeblich und maßgebend, wenn wir von Evangelisierung sprechen. In sechs Punkten lassen sich die Aussagen dieses Dokumentes und damit die inneren Ziele einer solchen Evangelisierung zusammenfassen.

 

1. Das Zeugnis des Lebens, das wortlose, unbemerkte und trotzdem direkte Lebenszeugnis.

 

2. Das ausdrückliche Wort der Verkündigung in Predigt, Katechese usw.

 

3. Die innere Zustimmung des Herzens, die zum Glauben führt.

 

4. Die konkrete Gemeinschaft der Kirche, ohne die weder das Lebenszeugnis, noch das Wort noch die Zustimmung des Herzens in der Kirche fruchtbar werden.

 

5. Das konkrete Zeichen in den Sakramenten, besonders der Eucharistie. Dort verdichtet sich alles, was bisher gesagt wurde.

 

6. Aufbruch und Vollzug in Sendung und Mission.

 

Diese grundlegenden Aussagen hat Papst Johannes Paul II. in seiner Antrittsenzyklika „Redemptor hominis“ und in dem Apostolischen Schreiben „Catechesi tradendae“ fortgesetzt. Ausdrücklich spricht er erstmals von „Evangelisierung des 2. Millenniums“ bei seiner Polenreise 1979. Im Blick auf die Kirche in Nowa Huta, die in einer Stadt gebaut wurde, die bewusst als Stadt ohne Gott geplant war, sagt er wörtlich: „Vom Kreuz in Nowa Huta nahm eine neue Mission des Evangeliums ihren Ausgang: die Evangelisierung des 2. Millenniums.“[1] Eine zentrale Passage, in der man eine Definition des Programms der Neuevangelisierung sehen kann, findet sich in dem Abschlussdokument der Synode über die Sendung der Laien in der Kirche „Christifideles Laici“. Ich möchte aus dem Text zitieren:

 

„Ganze Länder und Nationen, in denen früher Religion und christliches Leben blühten und lebendige, glaubende Gemeinschaften zu schaffen vermochten, machen nun harte Proben durch und werden zuweilen durch die fortschreitende Verbreitung des Indifferentismus, Säkularismus und Atheismus entscheidend geprägt. Es ist mit Sicherheit notwendig, überall die christliche Substanz der menschlichen Gesellschaft zu erneuern. Voraussetzung dafür ist aber die Erneuerung der christlichen Substanz der Gemeinden, die in diesen Ländern und Nationen leben. Aufgrund ihrer Teilhabe am prophetischen Amt Christi werden die Laien ganz in diese Aufgabe der Kirche einbezogen. Den Laien ist es aufgegeben, eine lebensmäßige Synthese zwischen dem Evangelium und den täglichen Pflichten ihres Lebens zu schaffen …. Diese neue Evangelisierung, die sich nicht nur an die einzelnen, sondern an ganze Teile der Bevölkerung in ihren jeweiligen Situationen, Milieus und Kulturen richtet, hat das Werden von reifen Gemeinden zum Ziel. In ihnen kann der Glaube seine volle ursprüngliche Bedeutung als persönliche Selbstübereignung an Christus und sein Evangelium, als sakramentale Begegnung und Gemeinschaft mit ihm, als in der Liebe und im Dienst verwirklichte Existenz zum Ausdruck bringen und verwirklichen.“[2]

 

Diese Linien, die wir auch schon in Evangelii nuntiandi fanden, sind durch die weiteren Dokumente verstärkt worden. Es geht um eine lebensmäßige Synthese zwischen Evangelium und Lebenswelt. Dazu erforderlich ist das Wachsen von reifen Gemeinden und ein neues Engagement der Laien im Dienst des Glaubens mitten in der Welt. Evangelii nuntiandi hatte schon von dem Bruch zwischen Evangelium und Kultur als dem eigentlichen Drama der Moderne gesprochen.[3]

 

Liebe Schwestern und Brüder, ich kann mir vorstellen, dass wir mit diesen Aussagen des römischen Lehramtes Ihrem Ringen begegnen, dem Ringen Ihrer Kirche, unserer Schwester, die ähnlich eingepflanzt ist in eine säkulare Kultur und sich gerade hier in unserem Land um eine interne Festigung bemühen muss durch den Aufbau reifer Gemeinden in der Diaspora. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre pastorale Situation in der orthodoxen Kirche in Deutschland verschieden ist von unserer. Auch Ihnen wird es darum gehen, den Glauben im Sinne einer vollen ursprünglichen Bedeutung als persönliche Selbstübereignung an Christus und Sein Evangelium, als sakramentale Begegnung und Gemeinschaft mit Ihm, als in der Liebe und im Dienst verwirklichte Existenz zum Ausdruck bringen und verwirklichen zu wollen. Ich kann mir auch vorstellen, dass eine systematische Katechese, eine Verlebendigung von Traditionen, zumal der liturgischen Ausdrucksformen, eine Verstärkung der Beteiligung von Laien an diesen Prozessen ebenso wie der Einsatz neuer Medien zu gemeinsamen Wegen zwischen römisch-katholischer und orthodoxer Kirche führen, wie sie sich schon auf dem Kirchentag in München angebahnt haben.

 

 

2.   Zur Problematik einer Neuevangelisierung

 

Die Bezeichnung „Neuevangelisierung“ ist nicht sehr glücklich gewählt, da sie negative Assoziationen erwecken kann, gerade bei den anderen christlichen Kirchen, auch bei den orthodoxen Schwestern und Brüdern, auch bei den muslimischen Mitbewohnern. Der Gedanke des Proselytentums könnte sich nahe legen. Zudem erinnert der Begriff an die Alt- oder Erst-Evangelisierung, als ob es wieder dazu kommen müsste, dass das Abendland für das Christentum gewonnen und eine neue Einheit von Kirche und Staat angestrebt werden müsste. Angesichts der vermutlich nicht rücknehmbaren Pluralisierung des Lebens und der Individualisierung von Lebensoptionen erscheinen allerdings solche Befürchtungen eher aus der Luft gegriffen.

 

Neuevangelisierung sollte nicht auf ein christliches Europa nach vergangenem Muster abzielen, sondern es sollte sich ganz schlicht um die Verkündigung des gekreuzigten und auferstandenen Herrn handeln, der die Menschen zur Einheit mit sich und untereinander zusammenführen will – ein Prozess, der ganz anders verläuft als die Gesetze dieser Welt, die vom Machen und Funktionieren bestimmt sind, es sich ausdenken.

 

Der 1. Petrusbrief spricht von den Christen als „Fremdlingen und Gästen“, also als einer Minderheit, „in dieser (ganz anders orientierten) Welt“ (1 Petr 2, 1). Paulus redet die Gemeinde von Korinth an, sie möge doch einmal in ihre eigenen Reihen schauen: „Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten“ (1 Kor 1, 26 f.). So ist die Kirche herausgerufen, den Mut zu haben, in der Zukunft für eine Kirche zu stehen, welche die Kirche der Kleinen, Armen und Schwachen ist, für eine Kirche, die bereit ist, alles „Imperiale“ abzulegen, oder um es mit Erzbischof Zollitsch zu sagen, eine pilgernde, dienende und hörende Kirche zu sein.[4]

 

Manchmal spricht man im Zusammenhang von der Neuevangelisierung auch von der Weitergabe des Glaubens. Das halte ich für nicht unproblematisch. Glaube ist Gnade, Gabe, Geschenk, etwas, was wir nicht machen können, was wir allein von Gott her empfangen, auch wenn dabei unsere Freiheit mit eingefordert ist. Weil wir davon ausgehen dürfen, dass Gott jedem Menschen die Gabe des Glaubens schenkt, so geschieht dies doch, wann, wie und wo Er will. Was können wir dabei tun? In der Neuzeit steht menschliches Handeln fast exklusiv unter dem Vorzeichen herstellender Praxis. Es ist der „homo faber“, der durch sein Tun sich und seine Ziele verwirklicht. Das kann aber unmöglich die Weise sein, wie der Mensch am Tun Gottes mitwirkt. Er kann sich weder aus eigener Kraft in die Beziehung zu Gott und zum Nächsten hineinbringen, noch in anderen Glauben herstellen, noch das Volk Gottes selbst zusammenführen und zusammenhalten. Alles Mittun des Menschen mit Gott kann nur von der Art der darstellenden und damit letztlich einer sakramentalen Praxis sein, in der sich das, was Gott selbst mit dem Menschen tut, verleiblicht, darstellt und ausdrückt. Alles kirchliche, besonders alles spezifisch seelsorgliche Handeln kann von sich auch nichts bewirken – alle Wirkung und jeder Erfolg in der Kirche sind reine, unverfügbare Gnade -, und darum kann und darf es sich nicht unter dem Programmwort „Machen“ und „Effizienz“ konstituieren. Kirchliches Handeln ist nur authentisch, wenn es das Tun Christi, das Tun Gottes verleiblicht und zeichenhaft anschaulich macht. In einer solchen darstellenden Praxis kommt freilich das Handeln Gottes selbst zur Fülle Seines Wesens, weil dadurch die grundlose Liebe Gottes, Sein Plan, alles in Christus zur Einheit zusammenzufassen (vgl. Eph 1, 10), sichtbar und greifbar in den Strukturen der Welt erscheint. Die Tatsache, dass alles kirchliche Handeln darstellendes Handeln ist, bedeutet für menschliches Mittun eine unendliche Befreiung. Nicht wir sind die Macher, sondern Er muss es machen, Er allein kann Glauben schenken, Er allein ist es, der die Kirche zusammenführt und in der Kirche handelt. Nur Er kann die Weiter-Gabe des Evangeliums bewirken – in der Kraft des Heiligen Geistes. Und hier, liebe Schwestern und Brüder, sind wir bei einem wesentlichen Punkt unserer Zusammenarbeit.

 

 

3.   Zur Neuevangelisierung als gemeinsamer Auftrag von lateinischer und orthodoxer Kirche

 

Bei der XII. Generalversammlung der Bischofssynode zum Thema des Wortes Gottes hat Patriarch Bartholomaios am Samstag, dem 18. Oktober 2008, eine bemerkenswerte Ansprache gehalten. Er betont, dass das Thema dieser Synode nicht nur für die römisch-katholische Kirche Bedeutung hat, „sondern auch für all jene …, die als Zeugen Christi in unserer Zeit berufen sind. Mission und Evangelisierung sind ein ständiger Auftrag der Kirche zu allen Zeiten und an allen Orten; sie sind in der Tat Wesensmerkmal der Kirche, die sich „apostolisch“ nennt und das nicht nur im Sinne, dass sie der ursprünglichen Lehre der Apostel treu bleibt und das Wort Gottes in jedem kulturellen Kontext und zu jeder Zeit verkündet. Die Kirche muss deshalb das Wort Gottes in jeder Generation neu entdecken und es mit neuer Kraft und Überzeugung in unserer zeitgenössischen Welt umsetzen, die im tiefsten Innern nach Gottes Botschaft des Friedens, der Hoffnung und der Barmherzigkeit dürstet.“ Im weiteren Verlauf seines Beitrags weist er auf drei Aspekte hin, denen er besondere Aufmerksamkeit widmen will: „Das Wort Gottes durch die Heilige Schrift hören und verkünden; Gottes Wort in der Natur und vor allem in der Schönheit von Ikonen wahrnehmen; und schließlich Gottes Wort in der Gemeinschaft der Heiligen und im sakramentalen Leben der Kirche berühren und miteinander teilen.“ Im Rückgriff auf den heiligen Johannes Chrysostomus verdeutlicht der Patriarch, dass „das göttliche Wort die unterschiedlichen Persönlichkeiten und verschiedenen kulturellen Kontexte derer, die es hören und empfangen, berücksichtigt. Die Anpassung des göttlichen Wortes an die besondere persönliche Bereitschaft und den besonderen kulturellen Kontext definiert die missionarische Dimension der Kirche, die berufen ist, die Welt durch das Wort Gottes zu verändern“.

 

Aus diesen Worten können wir ersehen, wie sehr wir im Anliegen der Evangelisierung verbunden sind. Mit tiefen Worten macht Patriarch Bartholomaios im Blick auf die Schönheit der Ikonen und der Natur die kosmische Dimension der Fleischwerdung des göttlichen Wortes bewusst und zeigt auf diese Weise auf, dass die Verkündigung des Evangeliums zu einer Erneuerung des gesamten Kosmos und der Schöpfung beitragen muss. Gerade in der eucharistischen Feier werden Wort und Sakrament zu einer Realität, die über den bloßen Wortcharakter des Wortes hinausgeht und so eine Beziehung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und seiner ganzen Schöpfung verkörpert. Indem ein Mensch, gerade der Heilige, sich durch Reue und Läuterung dieser Realität öffnet, sich vom Feuer der Liebe Gottes verzehren lässt, wird das Böse überwunden, „und Heiligkeit bringt in die Gesellschaft einen Samen, der heilt und verwandelt“. Wörtlich sagt der Patriarch: „Es ist wie bei den tektonischen Platten der Erdkruste: die tiefsten Schichten brauchen sich nur wenige Millimeter zu bewegen, um die Erdoberfläche zu zerbrechen. Damit aber diese spirituelle Revolution geschieht, müssen wir eine radikale Erfahrung der „metanoia“ machen – eine Umkehr in unseren Haltungen, Gewohnheiten und Gepflogenheiten – hinsichtlich der Art und Weise, wie wir Gottes Wort, Gottes Gaben und Gottes Schöpfung falsch gebraucht oder missbraucht haben. Eine solche Bekehrung ist sicherlich unmöglich ohne die göttliche Gnade; sie wird nicht einfach durch größere Anstrengungen oder menschliche Willensstärke erreicht.“[5]

 

Ich möchte gerne als Gastredner eine Bitte formulieren, die sich aus dem eben Gesagten für uns als katholische Kirche ergibt: Gerade weil es nicht auf das Machen ankommt, sondern auf die Gnade, brauchen wir als Katholiken das Zeugnis von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder aus der orthodoxen Kirche. In einem anderen Gespräch hat Seine Heiligkeit gesagt, dass wir aus dem reichen Erbe der orthodoxen Christenheit vor allen Dingen eines lernen können, niemals geistvergessen zu sein und zu handeln. Ich glaube, dass er damit einen wichtigen Nerv getroffen hat. Die Frage des filioque ist sicherlich auch damit angesprochen, kann aber im Rahmen einer solchen Begegnung wie unserer nicht behandelt werden. Aber wir können von dem Beten der orthodoxen Kirche und ihrer Liturgie gerade als westliche Christenheit lernen, dass die Kirche ein Geschöpf des Heiligen Geistes ist. Deshalb ist bei einer Neuevangelisierung des europäischen Kontinents zweifellos auch an die Einladung zu denken, die wir als Katholiken an Sie in der orthodoxen Schwesternkirche richten können, uns zusammen auf die Quellen zu besinnen und dazu beizutragen, gerade im Kontext einer muslimischen Dominanz, gerade angesichts von Säkularismus, Indifferentismus, Atheismus und Konsumismus gemeinsam uns zu bemühen, die Quellen des Glaubens neu sprudeln zu lassen, den Glauben im Sinne seiner vollen ursprünglichen Bedeutung als persönliche Selbstübereignung an Christus und Sein Evangelium verwirklichen zu wollen. Es ist völlig klar, dass wir gemeinsam dies auch mit dem lebendigen Zeugnis gläubiger Laien tun sollten. Aber es kann von einem katholischen Bischof als erstes die Bitte ausgesprochen werden: Helft uns, noch mehr zu erkennen, dass Kirche Werk des Heiligen Geistes und nicht unsere machbare Größe ist. Helft uns als orthodoxe Christenheit, die Gotteserfahrung, die in der Liturgie der östlichen Kirche so tief zum Ausdruck kommt, noch mehr zu entdecken, um zu einer lebensgemäßen Synthese zwischen Evangelium und Lebensbild zu finden.

 

Sicherlich können auch Sie sich dem Anliegen von Evangelii nuntiandi und den eben aufgezeigten sechs Schritten anschließen. Sicherlich können auch Sie das Wort Papst        Paul VI. aus diesem Dokument für sich adaptieren, dass der moderne Mensch mehr auf Zeugen als auf Lehrer hört und wenn auf Lehrer, dann weil er Zeuge ist.[6] Aber vor allen Dingen können wir durch das liturgische und geistliche Erbe der orthodoxen Kirche im Kontext der Neuevangelisierung bereichert werden. Erlauben Sie mir dazu einige Hinweise.

 

1.   Eine Selbstevangelisierung wäre vom byzantinischen Erbe her zuvörderst eine konsequente Fortsetzung der Umkehr und Bekehrung des Christen im Sinne des Rufes des Vorläufers bzw. der Taufe in Christus und ihrer Verwirklichung im christlichen Leben. Hierzu könnten uns die gottesdienstlichen Gestaltungen, die Sie mit Ihren entsprechenden Texten am Montag, Mittwoch und Freitag, an den vier Fastenzeiten des Kirchenjahres und den vielen Texten der Heiligen Väter als reiches Erbe bereithalten, helfen.

 

2.   Es ist auch darüber nachzudenken, ob durch eine neue Darstellung der gemeinsamen Glaubensgeschichte und der Ikonographie eine vertiefte Sichtweise des römisch-katholischen und des orthodoxen Glaubens und Lebens eröffnet werden kann. Vielleicht lässt sich auch über eine Reflexion der gemeinsamen Geschichte mit dem Islam eine neue Dialogbasis erschließen.

 

3.   Papst Johannes Paul II. hat in Erinnerung an die Veröffentlichung der Liturgiekonstitution 25 Jahre danach im Jahre 1988 betont, dass jede Reform der Liturgie eine Reform der Kirche nach sich zieht. Die Teilnahme an den Mysterien bedeutet nach Hebr 6, 5 ein Verkosten „der Kräfte des zukünftigen Äons“. Durch die Teilnahme an den Mysterien wird dem Menschen etwas offenbar, was er vorher nicht gekannt hat. Dies war die Absicht bereits der antiken Mysterien, aber erst die Mysterien Christi in den Sakramenten der Kirche machen den Menschen fähig, die Verbindung mit Gott zu erlangen. Liturgie bildet niemals menschliche Wirklichkeiten ab, sondern zeigt, wie die göttliche Realität die menschliche umwandelt und durchdringt. In diesem Sinne können wir von der orthodoxen Kirche viel lernen, jedem Vulgarismus zu entsagen, selbst wenn er auf den ersten Blick vielleicht pastoral für die Neuevangelisierung als besonders wirksam erscheinen mag. Vielleicht könnten wir hier gemeinsam unsere Jugendlichen hinführen, damit sie aus dem Urquell Liturgie feiern.

 

      Ich möchte auf zwei Veröffentlichungen hinweisen, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind, nämlich das Buch von Jean Corbon, Liturgie aus dem Urquell[7], und die verschiedenen Studien von Alexander Schmemann[8]. Je mehr wir sie in der westlichen Christenheit entdecken, umso hilfreicher werden sie uns für unsere Feier der Liturgie. In ihr handelt es sich ja um ein Geschehen, das nicht der Mensch selbst oder eine Kommission geschaffen hat, sondern das ihm vielmehr vorgegeben ist aus den Urgründen der Ewigkeit selbst. Wer an der Liturgie teilnimmt, will mehr als das, was ihn und seine Zeit gegenwärtig ausmacht. Er sucht Anteil an einer Erfahrung, die ihm vorgegeben ist, und in die hinein er sich inkulturiert sieht. Um die Menschen dorthin zu führen, braucht es zweifellos im Zuge der Neuevangelisierung auch Vorformen, bei denen uns die orthodoxe Kirche mit ihrem Reichtum helfen könnte.

 

4.   Die Feier der Eucharistie ist nach der Aussage des II. Vatikanischen Konzils der „Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt“, und zugleich „die Quelle“, aus der all ihre Kraft strömt“ (SC 10). Allerdings sollten wir noch mehr lernen, dass die Eucharistie die Mitte des gläubigen Lebens in der Kirche ist, dass sie aber für den Gläubigen nur denkbar ist, weil er auf dem Fundament der Taufe aufruht. Eine Spiritualität aus dem Geschenk der Taufe anzuregen und zu vertiefen, könnte auch für unser gemeinsames Bemühen, eins zu werden, noch hilfreicher sein. An dieser Stelle darf ich ausdrücklich der orthodoxen Kirche in Deutschland danken für ihre Erklärung, die sie im Blick auf ihren Dienst an der Einheit der Christen am 12. November 2011 bei der Orthodoxen Bischofskonferenz veröffentlicht hat. Neuevangelisierung aus dem Geschenk der Taufe – genau das ist der Punkt, der uns noch mehr verbinden kann.

 

5.  Ich möchte noch einen letzten Punkt nennen, der Seiner Allheiligkeit Patriarch Bartholomaios besonders wichtig ist: Das Bewusstsein für eine Schöpfungsspiritualität. Da der Mensch heute ein neues Bewusstsein für die Schöpfung hat, wäre zu überlegen, wie der Tag der Schöpfung noch stärker ins Bewusstsein der Allgemeinheit gerückt werden kann. Auch hier können wir von Ihnen durch den Brauch der Wasserweihe und der Haussegnung lernen, um das Leben in der Familie als Hauskirche neu zu intensivieren. Meines Erachtens gehört die Geist-Vergessenheit und die Schöpfungs-Vergessenheit zusammen oder umgekehrt gesagt: Je tiefer wir uns vom Geist, der über den Wassern schwebte und alles ordnete, führen lassen, umso sensibler werden wir für das, was Gott in Seiner Ordnung im Kosmos geschaffen hat.

 

 

4. Schluss

 

Ich möchte schließen mit zwei kleinen Hinweisen, die das Thema der Neuevangelisierung im Rahmen einer Begegnung in der orthodoxen Kirche abschließen können. Seine Exzellenz, Metropolit Augoustinus hat in einem Artikel zum Osterfest für das Trierer Bistumsblatt „Paulinus“ (Ausgabe vom 08.04.2012, Nr. 15, Seite 6) uns aufmerksam gemacht auf die salbentragenden Frauen. Mit ihnen und Maria Magdalena wird ein Urevangelium in die Welt gegeben: Nämlich die Trübsal abzulegen, froh zu werden, Christus, den Auferstandenen zu erblicken, der der Welt das große Erbarmen schenkt. Neuevangelisierung für Europa heißt, den Christen in Europa genau das neu ins Bewusstsein zu heben.

 

So kann auch geschehen, was wir eingangs aus der Begegnung von Natanaël mit dem Herrn bedacht haben: Die Verheißung, dass wir Größeres sehen werden, weil die Engel Gottes über dem Menschensohn auf- und niedersteigen (vgl. Joh 1, 51), wird für den Evangelisten Johannes Wirklichkeit, indem er unmittelbar danach von der Hochzeit am dritten Tag berichtet, in der die Überfülle der göttlichen Gaben im Geschenk des zu Wein verwandelten Wassers der Braut-Kirche zuteil wird, weil sie der Weisung Mariens folgt, das zu tun, was Er sagt (vgl. ebd. 2, 5). Nur so wird dem Anliegen des Konzils, dem Anliegen der Neuevangelisierung und dem Anliegen der orthodoxen Liturgie Rechnung getragen. Sehr schön finde ich das zusammengefasst in dem Vorbereitungsgebet zum Evangelium aus der Göttlichen Liturgie:

 

„Lass leuchten in unseren Herzen, menschenliebender Gebieter, das lautere Licht deiner Gotteserkenntnis und öffne die Augen unseres Verstandes dem Verständnis der Verkündigung deines Evangeliums. Tauche uns ein die Furcht vor deinen seligmachenden Geboten, damit wir alle Begierden des Fleisches niederhalten, zu einem geistlichen Wandel gelangen und alles nach deinem Wohlgefallen sinnen und tun. Denn du bist die Erleuchtung unserer Seelen und Leiber, Christus unser Gott, und dir senden wir die Verherrlichung empor, sowie deinem anfanglosen Vater und dem Allheiligen und guten und lebendigmachenden Geiste, jetzt und immerdar und in die Äonen der Äonen. Amen.“

 

In diesem Gebet weiß ich mich mit Ihnen verbunden, damit die Menschen durch das Zeugnis derer, die tun, was der Herr sagt, dahin geführt werden, den Vater im Himmel zu preisen, wie es Christus selbst in der Bergpredigt Seinen Jüngern vorlegt, die Salz der Erde und Licht der Welt sein sollen.



[1]    Predigt in der Heilig-Kreuz-Kirche von Mogiila am 09.06.1979 in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 10 – Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II. bei seiner Pilgerfahrt durch Polen, 102 – 106; hier: 106.

[2]    CF 34.

[3]    EN 20.

[4] Eröffnungsreferat bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz 2010.

[5] Ansprache von Patriarch Bartholomaios am 18. Oktober 2008 in: OR Nr. 44, 2008, S. 12 und 13.

[6] EN 41.

[7]    J. Corbon, Liturgie aus dem Urquell, Einsiedeln 1981.

[8]    Ich weise hier auf die drei Veröffentlichungen aus dem Johannesverlag hin: A. Schmemann, Aufzeichnungen 1973 – 1983, Freiburg 2002. Ders., Die Eucharistie. Sakrament des Gottesreichs, Freiburg 2005. Ders. Vater unser, Freiburg 2008. Drs., Die Mutter Gottes, Freiburg 2, 2011.