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22.03.2019 12:38 Alter: 94 days

ERKLÄRUNG

von Metropolit Augoustinos von Deutschland.


Da ich und die übrigen Mitglieder der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) in den letzten Wochen die Adressaten gleich zweier offener Briefe geworden sind, welche von den zwei russischen Diözesanbischöfen in Deutschland, Erzbischof Mark („Offener Brief an die Mitglieder der OBKD“ vom 12. Februar 2019) und Erzbischof Tichon („Aufruf an die Mitglieder der OBKD“ vom 8. März 2019) verfasst wurden, gestatte ich mir, da sie das gleiche Thema haben, zu beiden wie folgt Stellung zu nehmen:

Man hat einmal das Abfassen eines „offenen Briefes“ als „Eintrag ins Beschwerdebuch der Geschichte“ (B. Dücker) bezeichnet. Anders gesagt: Mindestens so wichtig, wie der Empfänger des Briefes – um nicht zu sagen: wichtiger als der Empfänger - sind die Mitlesenden des Briefes, d. h. die interessierte Öffentlichkeit, die kirchlichen Stellen in der Heimat, die ökumenischen Partner usw. Sonst würde man ja die herkömmliche Form der schriftlichen Kommunikation wählen.

Das Schreiben des Erzbischofs Mark von der Russischen Auslandskirche, umfasst, wenn ich es richtig gelesen habe, drei Teile: Im ersten Teil äußert sich der Erzbischof zur Situation in der Ukraine nach der Verleihung der Autokephalie durch das Ökumenische Patriarchat. Im zweiten Teil äußert sich der Verfasser zu meiner Person als Mitunterzeichner des entsprechenden Tomos (so wird das Autokephalie-Dokument bekanntlich genannt) und zu den Konsequenzen des Rückzugs der russischen Mitglieder aus der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD).

Im letzten Teil hebt Erzbischof Mark die Notwendigkeit der Fortsetzung der innerorthodoxen Zusammenarbeit in Deutschland hervor und schlägt neue Formen und Strukturen für diese Zusammenarbeit vor. Außerdem stellt Erzbischof Mark hier noch die grundsätzliche Frage nach der ekklesiologischen Beurteilung der sogenannten orthodoxen Diaspora, da, wie er schreibt, nicht alle orthodoxen Kirchen die diesbezügliche Auffassung des Ökumenischen Patriarchats teilen.

Was die Situation in der Ukraine betrifft, werde ich hier nicht weiter Stellung nehmen, da ich nach wie vor der festen und unerschütterlichen Auffassung bin, dass das zweitgrößte Land Europas das Recht auf eine eigene kirchliche Struktur hat, auch wenn dies in Moskau nicht gesehen wird. Wie schwierig es ist, objektive Informationen von dort zu erhalten, mag ein einziges Beispiel verdeutlichen. In der KNA-ÖKI wurden vor kurzem über die Gemeinden des Moskauer Patriarchats, die zur neuen autokephalen Kirche wechselten, berichtet: Während ein Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche von 100 solchen Gemeinden sprach, wusste der römisch-katholische Korrespondent - auf der gleichen (!) Doppelseite der ÖKI– von 200 Gemeinden zu berichten. Sicher ist: Wir stehen in einem Transformationsprozess, der nicht einfach ist, am Ende aber auch vom Patriarchat Moskau akzeptiert und respektiert werden wird.

Im Übrigen weist Erzbischof Mark selbst auf die Geschichte seiner eigenen kirchlichen Struktur, der Russischen Auslandskirche hin, deren Wiedervereinigung mit der Mutterkirche ja ebenfalls das Ergebnis eines langwierigen und komplizierten Prozesses gewesen ist. Es ist deshalb sicherlich verfrüht, wenige Wochen nach der Verleihung der Autokephalie hier „blühende Landschaften“ der Kirchlichkeit zu erwarten.

Die Situation in Deutschland ist in der Tat durch den Rückzug der russischen Mitglieder (drei Bischöfe sowie der Generalsekretär) aus der OBKD verändert. Sowohl Erzbischof Mark als auch Erzbischof Tichon stellen in ihren Schreiben das segensreiche Wirken der Orthodoxen Bischofskonferenz dar, das seit fast einem Jahrzehnt geschieht. Ich kann mich dieser Einschätzung nur anschließen und möchte mich ausdrücklich für die in beiden Schreiben zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung der OBKD und ihres Vorsitzenden bedanken.

An dieser Stelle muss aber zum wiederholten Mal gesagt werden: Selbst wenn wir in Deutschland durch die 1994 erfolgte Gründung der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland (KOKiD) bereits einen Vorlauf hatten und womöglich sogar Pionierarbeit auf dem Gebiet der panorthodoxen Zusammenarbeit in der sogenannten Diaspora geleistet haben, ist die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) ebenso wie die übrigen elf weltweit existierenden Gremien dieser Art keine deutsche Erfindung und auch kein willkürlich eingesetztes oder aufgezwungenes Machtinstrument des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel. Sie ist vielmehr das Resultat eines 2009 gemeinsam gefassten Beschlusses der IV. Präkonziliaren Panorthodoxen Konferenz in Chambésy (bei Genf). Gemeinsam und einstimmig haben damals die autokephalen Kirchen die Gründung dieser Bischofskonferenzen beschlossen. Hinter diesen Beschluss kann man nicht zurück.

Wenn nun die russischen Brüder die OBKD und ihre Schwesterorganisationen weltweit verlassen, um dann im Anschluss daran zu erklären, die Bischofskonferenz könne nicht mehr als solche bezeichnet werden oder tätig sein, da ja die vorgeschriebene Einstimmigkeit nicht mehr vorhanden sei, ist dies, vorsichtig gesagt, nicht hilfreich.

Dies erinnert im Übrigen an das Verhalten des Moskauer Patriarchats im Jahr 2016, als es das gemeinsam beschlossene und jahrzehntelang gemeinsam vorbereitete Heilige und Große Konzil der Orthodoxen Kirche in Kreta plötzlich boykottierte und dann erklärte, es habe sich gar nicht um ein Konzil gehandelt, da ja nicht alle Patriarchate anwesend gewesen seien...

Im letzten Teil seines Briefes schlägt Erzbischof Mark neue Strukturen der orthodoxen Zusammenarbeit vor. Erzbischof Tichon vom Moskauer Patriarchat konkretisiert diese Idee, indem er einen rotierenden Vorsitz der OBKD vorschlägt. Letzterer Vorschlag ist – so volksnah er klingen mag – nicht nur ekklesiologisch utopisch (sollte man dann nicht auch die kirchenleitende Funktion innerhalb eines Patriarchats rotieren lassen?), sondern auch praktisch nicht durchführbar: Angenommen der Vorsitz der OBKD würde rotieren, wäre ja sicherlich auch der Bischof des Ökumenischen Patriarchats an der Reihe zu präsidieren. Würden dies die russischen Bischöfe akzeptieren oder wieder ausziehen und erst wieder einziehen, wenn sie selbst den Vorsitz einnehmen könnten? Gäbe es dann nicht Mitglieder erster und zweiter Klasse in der OBKD, solche, die an allen Sitzungen teilnähmen, und andere, die bestimmte Vorsitzende und die von ihnen geleiteten Sitzungen ablehnten? Gleiches gilt natürlich auch für den Vorschlag, den Vorsitzenden wählen zu lassen, weil man dann „wählbare“ und „nicht von allen wählbare“ Mitglieder hätte.

Damit bin ich schon beim Schreiben des Mitbruders Tichon angelangt, dessen Engagement für die orthodoxe Sache in Deutschland ich, wie gesagt, schätze und lobe, auch wenn seine in seinem Schreiben gemachten Äußerungen über das Ökumenische Patriarchat und Patriarch Bartholomaios nicht Mut machend sind. Wenn man zu Zusammenarbeit und Neuanfang aufruft, macht es nicht viel Sinn, dieses Schreiben mit Bewertungen zu garnieren, wie sie dort gemacht werden. Das mag aber womöglich mit der gewählten Form des offenen Briefes zusammenhängen. Gerade weil ich seit fast fünf Jahrzehnten für eben diese Orthodoxie als Bischof in Deutschland tätig bin, lasse ich mir aber nicht mangelnden Einsatz in dieser Angelegenheit vorwerfen, gerade auch jetzt in der unschönen Situation, die weder ich, noch das Ökumenische Patriarchat zu verantworten haben. Ich ermutige folglich alle unsere orthodoxen Bischöfe in Deutschland, alle unsere Geistlichen und jeden einzelnen orthodoxen Christen und jede einzelne orthodoxe Christin zur Weiterführung und Stärkung unserer orthodoxen Zusammenarbeit. Und ich versichere unsere ökumenischen Partner, dass das panorthodoxe Engagement – ebenso wie das ökumenische Miteinander – weiterhin im Mittelpunkt des Handelns unserer Metropolie und unserer Bischofskonferenz stehen wird. Dies werden wir mit Phantasie und Kreativität realisieren. In der Einheit und für diese Einheit schlägt unser Herz. Und so verstehe ich im Grunde auch die Appelle meiner russischen Amtsbrüder.

 

ZUSAMMENFASSEND

In zwei ähnlichen Schreiben haben sich in den letzten Wochen die zwei russischen Diözesanbischöfe in Deutschland, Erzbischof Mark (Russ. Auslandskirche) und Erzbischof Tichon (Moskauer Patriarchat) an die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) gewandt und mitgeteilt, dass sie aufgrund eines entsprechenden Beschlusses ihrer Mutterkirche nicht an den Sitzungen der OBKD teilnehmen könnten, solange diese von mir als Bischof des Ökumenischen Patriarchats geleitet werden. Sie schlagen deshalb veränderte Strukturen der panorthodoxen Zusammenarbeit bzw. ein Rotationsprinzip oder eine Wahl beim Vorsitz der OBKD vor. In Erwiderung dieser Schreiben und der darin gemachten Vorschläge gilt es festzuhalten, dass die Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland (OBKD) – ebenso wie die übrigen elf weltweit existierenden Gremien dieser Art – nicht unsere eigene Erfindung und auch kein willkürlich eingesetztes Organ des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel ist. Sie ist vielmehr das Resultat eines 2009 gemeinsam gefassten Beschlusses der IV. Präkonziliaren Panorthodoxen Konferenz in Chambésy (bei Genf). Gemeinsam und einstimmig haben damals die autokephalen Kirchen die Gründung dieser Bischofskonferenzen beschlossen. Hinter diesen Beschluss kann man nicht zurück. Deshalb sind die nun gemachten Vorschläge prinzipiell anachronistisch, ekklesiologisch utopisch und darüber hinaus auch praktisch nicht durchführbar. Trotzdem gilt: Das panorthodoxe Engagement – ebenso wie das ökumenische Miteinander – wird weiterhin im Mittelpunkt des Handelns unserer Metropolie und unserer Bischofskonferenz stehen. Dies werden wir mit Phantasie und Kreativität realisieren. In der Einheit und für diese Einheit schlägt unser Herz. Und so verstehe ich im Grunde auch die Appelle meiner russischen Amtsbrüder. Ich ermutige deshalb alle unsere orthodoxen Bischöfe in Deutschland, alle unsere Geistlichen und jeden einzelnen orthodoxen Christen und jede einzelne orthodoxe Christin zur Weiterführung und Stärkung unserer orthodoxen Zusammenarbeit.

 

Bonn, 22. März 2019