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31.01.2019 21:27 Alter: 316 days

BUNDESPRÄSIDENT a.D. CHRISTIAN WULFF - LAUDATIO FÜR METROPOLIT AUGOUSTINOS


24. Januar 2019

Berliner Dom

 

 

 

Eminenzen,

sehr geehrter Herr Dr. Bischof Wiesemann,

sehr geehrter Herr Archimandrit Sfiatkos,

sehr verehrter, lieber Metropolit Augoustinos, 

sehr geehrte Damen und Herren!

 

Wir ehren heute Metropolit Augoustinos für sein Lebenswerk, einen besonderen Menschen, mit herausragenden Verdiensten, vor allem um die Ökumene, die Einheit der Christen. 

 

Wie schön, dass diese Ehrung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland im Rahmen der weltweiten Gebetswoche für die Einheit der Christen erfolgt. Wie schön und wie passend. 

 

Metropolit Augoustinos stammt aus Kreta, studierte Theologie noch auf der Insel Chalki, bevor das Priesterseminar vom türkischen Staat – hoffentlich nur vorübergehend – geschlossen wurde. Er studierte danach in Salzburg, in Münster, wo er auch Vorlesungen von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., hörte und an der Freien Universität Berlin. 

 

Hier beeindruckte ihn besonders der katholische Theologe und Philosoph Marcel Reding als Grenzgänger zwischen den Welten und als Versöhner. 

 

1964 wurde er zum Priester geweiht, stark inspiriert durch seinen von ihm selbst gewählten Beichtvater, Patriarch Athenagoras, der sich 1964 mit dem damaligen Papst in Jerusalem traf. 

 

Auf diese historische Begegnung geht die Aufhebung der gegenseitigen Bannsprüche 1965 zurück, die kirchengeschichtlich überragende Bedeutung hat und für die Ökumene ein zentraler Meilenstein ist. Von den Extrempositionen beiderseits wurde diese Entwicklung hart bekämpft. Sie war atemberaubend. 

 

1972 wurde Augoustinos Vikarbischof der Metropoli in Deutschland;

1980 zum Metropoliten in Deutschland mit Sitz damals noch in Bonn gewählt und

2006 wurde er Vorsitzender der Kommission der orthodoxen Kirchen in Deutschland. 

Heute ist der dienstälteste amtierende Bischof in Deutschland und doch: Wenn ich mit ihm spreche, sehe ich in seinen Augen ein jugendliches Funkeln und eine Begeisterung, als sei er soeben zum Bischof gewählt worden. 

Ehrlich gesagt, bin ich von beidem gleichermaßen beeindruckt: 

 

Dem kometenhaften Aufstieg in der Orthodoxie einerseits und der Konstanz in der höchsten Verantwortung seit nunmehr fast 40 Jahren andererseits! 

 

Patriarch Athenagoras, Ihr Beichtvater, lieber Metropolit, und Patriarch Bartholomäus haben Sie zu einem Diplomaten der Ökumene gemacht. 

 

Auch Patriarch Bartholomäus ist seit Jahrzehnten im interreligiösen Dialog überzeugend engagiert, weil er ihm zu Recht höchste Bedeutung als Teil internationaler Friedenspolitik einräumt. Unvergessen bleibt für mich die Atmosphäre unserer Besprechungen in Istanbul zu den so drängenden Fragen der Christen in der Türkei. Denn: Zweifelsfrei gehört das Christentum immer schon zur Türkei. 

 

Sehr geehrte Damen und Herren, 

es ist unser Glück, dass das besondere Geschick von Metropolit Augoustinos vor allem Deutschland zugutegekommen ist. 

Wie sehr Ökumene auch eine politische Dimension hat, hat er als Gemeindepfarrer hier in Berlin erlebt, weil er auch zuständig war für die griechisch-orthodoxen Christen im Ostteil der geteilten Stadt.

Metropolit Augoustinos hat unendliche Verdienste um das deutsch-griechische Verhältnis nach den unfassbaren deutschen Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg. 

Mit allen deutschen Bundeskanzlern und der Bundeskanzlerin haben Sie persönlich Kontakt gepflegt, teilweise bei bedeutenden Besuchen, anfangs für Konrad Adenauer, auch als sprachlicher Mittler gedient. 

Hier haben Sie als Diplomat, als Diener Ihrer Kirche und als Freund Deutschlands gewirkt: Als Brückenbauer zwischen unseren Ländern. Sie haben größten Verdienst daran, dass unsere bilateralen Beziehungen heute so freundschaftlich sind. Ihr Leben und Ihr Lebenswerk machen deutlich, dass es sich lohnt, sich beharrlich für Verständigung und Ausgleich einzusetzen. Denn die Welt wird dann eine bessere. 

Schließlich nehmen wir Erfolge oft selbstverständlich hin und rücken die Schwierigkeiten ins Zentrum. 

Zusammenführen ist Ihnen vor allem auch in Deutschland gelungen. Mit den vielen Menschen, die seit den 1960er Jahren aus Griechenland nach Deutschland kamen, kam auf die Orthodoxie und die neugegründete Metropolie eine gewaltige Aufgabe zu. 

Bereits bei Ihrem Amtsantritt als Metropolit 1980 haben Sie als vordringliche Aufgabe für die Gemeinden beschrieben, den Menschen in Deutschland ein Stück Heimat zu bieten. Dadurch und durch den Dialog mit den anderen christlichen Kirchen in dem Bemühen um Ökumene, wurde Deutschland zur neuen Heimat dieser Menschen und ihrer Kinder: Integration gelang ohne den Verlust der religiösen Identität. 

 

Schon sehr früh, damals in München bei Franz Josef Strauß, haben Sie darauf gedrungen, einen eigenen Studiengang der orthodoxen Theologie einzurichten, um nicht darauf angewiesen zu sein, dass aus Griechenland dort ausgebildete Geistliche nach Deutschland kommen, ohne die speziellen Kenntnisse Deutschlands. 

Das hat die Integration der hier lebenden Orthodoxen nachhaltig gefördert, weil sie in ihren Gottesdiensten auf Geistliche trafen und treffen, die ihren Alltag verstehen und ihre Probleme ebenfalls. Die als Menschen nicht deutsche Herausforderungen mit griechischer Elle messen. Dies hat sicher dazu beigetragen, den Dialog zwischen den christlichen Geistlichen und auch zwischen den Gläubigen zu intensivieren. 

 

Es war ein entscheidender Beitrag zu praktischer Ökumene vor Ort. Ihr Engagement war beispielhaft und wegweisend. Andere Zuwanderergruppen können und sollten von Ihren Erfahrungen lernen. Diese Debatte ist in anderem Zusammenhang schließlich hochaktuell. 

 

Metropolit Augoustinos ist ein Integrator, innerorthodox wie auch zwischen den Christen der westlichen und östlichen Kirchen, versöhnend und ausgleichend. 

Metropolit Augoustinos verkörpert für mich etwas Urchristliches: Respekt und Wertschätzung jedermann gegenüber, Menschenfreundlichkeit und Empathie/ Einfühlungsvermögen. 

Das stete Bewusstsein der Verantwortlichkeit und - viele von Ihnen haben es selbst erlebt - eine besondere Gastfreundschaft, die man bei jeder Begegnung spürt. 

Wie selbstverständlich er von seinem Glauben Zeugnis ablegt, hat ihm Respekt und Anerkennung über die Grenzen von Konfessionen und Weltanschauungen hinweg verschafft. 

 

 

Sein Handeln macht überzeugend deutlich, dass die Wirkung gelebter Ökumene weit hinausgeht über den rein kirchlichen, rein christlichen Zusammenhang. Dass sie Einfluss hat auf das Leben der Menschen, auf die Beziehungen zwischen Ländern. 

 

 

In der Antike bezeichnete das Wort „Oikomene“ „das Bewohnte“, die ganze bewohnte Welt, soweit sie damals bekannt war. 

Die Globalisierung und die Digitalisierung haben uns nun in eine Zeit der totalen „Oikumene“ in diesem Sinne katapultiert: Nichts scheint mehr unbekannt, alles erreichbar, alle mit allen vernetzt.

 

Am Anfang dieser Entwicklungen stand die Hoffnung nach mehr Transparenz, mehr Zusammenarbeit, mehr Verständnis, mehr Demokratie. Heute stellen wir fest, dass das Trennende, das Ausgrenzende stärker betont wird und sich Gesellschaften spalten, Zusammenarbeit erschwert wird. Es scheint gar so, dass die Zeit der Spalter und nicht der Versöhner gekommen sei. 

 

Ich glaube das nicht. Immer mehr Menschen ödet es an, wenn es nicht um Lösungen zu gehen scheint, sondern mit Negativität und Alarmismus, um die Ausbeutung von Problemen zum eigenen, oft kurzfristigen Nutzen. 

Statt die Gesellschaft weiter zu spalten, setzen kluge Akteure auf Versöhnung, Vermittlung, den Brückenbau. 

Und wer das Verbindende sucht und gemeinsame Aussagen anstrebt, vermischt nicht dogmatisch Trennendes. Der ökumenische Dialog über gegensätzliche Positionen muss vielmehr intensiv weitergeführt werden. 

Die evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchen wirken in Deutschland vor Ort und in ihren Spitzen großartig zusammen. 

Ich empfinde das als vorbildlich, bemerkenswert und ermutigend zugleich. Dabei denke ich an die Rede von Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm in Wittenberg zum Reformationsjubiläum 2017, die er als Vorsitzender des Rates der EKD gehalten und dabei sein inniges Verhältnis zu Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzenden der Bischofskonferenz beschrieben hat. 

Beide wiederum pflegen ein aufrichtiges, von gegenseitigem Respekt getragenes Verhältnis zum Metropolit Augoustinos harmonisch. In unserer vielfältigen, multiethnischen, multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft braucht es Menschen wie Metropolit Augoustinos, die mit Herzlichkeit, mit Beharrlichkeit, auch mit Gelassenheit und Klugheit an der Einheit in Vielfalt arbeiten. 

Sie, lieber Metropolit Augoustinos, haben viele Jahre den Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg als Vorsitzender entscheidend geprägt. Deshalb bin ich mir sicher, dass die heutige herausragende Ehrung von ganz besonderer Bedeutung ist, in Ihrer Stadt Berlin, durch „Ihren“ Ökumenischen Rat für Ihr Lebenswerk, ein beeindruckendes Lebenswerk der Ökumene, des Zusammenführens.

Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zum Ehrenpreis für Ihr Ökumenisches Lebenswerk!