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21.06.2011 12:21 Alter: 8 yrs

Zur Rolle der Religionen in Europa

von Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber, Braunschweig


Rede zum Jahresempfang der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland

in Bonn am 9. Juni 2011

von Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber, Braunschweig

 

Meine sehr verehrten Damen und Herrn, liebe Schwestern und Brüder!

 

I. Die Situation

In der FAZ vom 31. Mai dieses Jahres lese ich: „Wo früher Glaubensüberzeugungen fast von selbst in der Familie tradiert wurden, stehen die christlichen Kirchen heute im Wettbewerb der Religionen und Sinnedeutungsangebote. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes zu Überzeugungs- und Missionsarbeit aufgerufen. Das kann Chancen zur Besinnung auf das Wesentliche und zum furchtbaren Dialog der Religionen sein.“ So Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zur Situation von Kirchen und Religionsgemeinschaft in Deutschland und Europa.

Allerdings ist die Situationbeschreibung nicht neu und schon seit Jahren reflektiert. Der Soziologe Peter L. Berger meint, gerade der Blick zurück auf die spätrömische Zeit, in der der Anfang der Kirche liege, mute merkwürdig modern an. „Das ist,“ so Berger, „glaube ich, besonders deswegen der Fall, weil diese Welt auch eine weitgehend pluralistische war, jedenfalls in ihren großen Städten - wie in Rom selbst, aber auch in Alexandrien, Antiochien, Korinth. Da befand sich das Christentum auf einem freien Markt der Religionen und Weltanschauungen.“

Die Pluralität der Lebensformen und Glaubensüberzeugungen bestimmt die Wirklichkeit, in der sich kirchliches Leben heute entwickelt. So sind etwa 75 % der Europäer Christen, bis zu 8 % sind Muslime, weniger als 1 % der europäischen Bevölkerung sind Juden, andere Religionen (Hinduismus, Buddhismus etc.) sind ebenfalls mit weniger als 1 % vertreten. Etwa 17 % der Europäer sind konfessionslos.[1] Die Konfessionszugehörigkeit sagt jedoch wenig über den tatsächlichen Grad der Religiosität in einem Land aus. Nach der European Values Study bezeichneten sich ca. ein Drittel der Europäer als unreligiös, 5 % als überzeugte Atheisten.

Desungeachtet ist der Innenminister fest davon überzeugt, dass Religion ein „bindendes Element unserer Gesellschaft“ sein könne, dazu aber sei es nötig, dass sich alle „Bürger mit unserer Gesellschaft und ihren Werten identifizieren“ müßten. Er nennt: Nächstenliebe und Barmherzigkeit, kommt auf das christliche Menschenbild zu sprechen und auf die das Grundgesetz bestimmende und auf die aus dem christlichen Menschenbild entwickelte Vorstellung von der Würde des Menschen. Ihm geht es um einen ethischen Grundkonsens zwischen den Religionen Judentum, Islam und Christentum.

Natürlich hat Hans-Peter Friedrich Recht, nur die Probleme beginnen dann, wenn es konkret wird im Miteinander der Religionen und im wertgeleiteten Beitrag der unterschiedlichen Religionen zur Fortentwicklung unserer europäischen Gesellschaft. Welche Werte bewegen die Europäer?

 

II. Die Werteskala der Bevölkerung der europäischen Staaten im Jahre 2008

Im 69. Eurobarometer (Erhebungszeitraum 25. März bis 4. Mai 2008) wurden in den beteiligten 31 Ländern - die 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, die drei Kandidaten (Kroatien, Mazedonien und Türkei) und die türkische Gemeinschaft in Zypern - auch nach den Werten gefragt.

Insgesamt sind die Werte, die zu den drei wichtigsten persönlichen Werten gezählt werden, eindeutig: Frieden (45 %), Menschenrechte (42 %) und Respekt gegenüber menschlichem Leben (41 %).

Religion gehört insgesamt nur für 7 % aller befragten Europäer zu den für sie persönlich drei wichtigsten Werten. In fünf Ländern gibt es allerdings deutlich höhere Anteile von Menschen, die Religion zu den drei für sie wichtigsten Werten zählen: Es sind die Befragten in Zypern (27 %), Malta (26 %), Rumänien (19%), Griechenland (18 %) und in Polen (14 %). In Deutschland sind es 5 % der Befragten.

Auch in der zweiten Frage, welche drei (von zwölf) Werten repräsentieren am besten die Europäische Union, sind die ‚Spitzenreiter': Menschenrechte (37 %), Frieden (35 %) und Demokratie (34 %). In Deutschland sind es auch diese drei Werte, aber der Frieden wird dabei höher bewertet (51 %).

Religion hat, als Wert repräsentativ für die Europäische Union, eine noch geringere Bedeutung als für den persönlichen Wert und bildet mit 3 % auch in dieser Bewertung das Schlusslicht. Auch in den Ländern, in denen es eine höhere persönliche Wertschätzung gab, gilt Religion nicht als Wert, der für die EU repräsentativ sei.

Im Kontext einer weiteren Frage wird die persönlich geringe Wichtigkeit des Glaubens bestätigt. „Welche der folgenden Werte sind für Sie am wichtigsten, wenn Sie an ihre Vorstellung von Wohlbefinden denken?“

Vier Werte konnten aus fünfzehn vorgegebenen Werten (Gesundheit, Liebe, Arbeit, Geld, Freundschaft, u.a.m.) genannt werden und die Gesundheit ist in Deutschland (80 %) noch wichtiger als in Europa (73 %).

Während danach in Europa insgesamt die Liebe (44 %) und Arbeit zu haben (37 %) noch als am wichtigsten genannt werden, sind es in Deutschland der Frieden (53 %) und die Liebe (49 %). Der Glaube wird für das persönliche Wohlbefinden nur in Rumänien (31 %) und auf Zypern (17 %) bemerkenswert häufig genannt. In Europa insgesamt (9 %), ebenso wie in Deutschland (10 % der Befragten), zählen ihn nur rund jeder Zehnte der Einwohner zu den vier wichtigsten Faktoren seines persönliches Wohlbefindens.“[2]

Kann man aus diesen Daten nun den Rückschluss ziehen, dass mit dem Glauben verbundene Werte wie Vertrauen, Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden, für die Schöpfungsbewahrung wirklich nachgeordnet sind, oder ist die Fragestellung insofern problematisch als auf die Frage, ob Religion ein Wert sei, in der Regel auch hoch religiöse Menschen nicht mit „Ja“ antworten, sondern die Werte nennen, die sie aus ihrem Glauben ableiten. Die Daten des Eurobarometers stehen zumindest in erkennbarer Spannung zu den Ergebnissen, die die Bertelsmann-Stiftung vorlegt. Ich zitiere aus dem Vortrag Martin Riegers: „Es gibt keinen Rückgang von Religiosität, jedoch einen Rückgang von institutionalisierter Religiosität. Gewiss auch einen davon nicht zu trennenden Rückgang von kirchlich strukturierter Religiosität. Zwar gilt auch für die Kirchenmitglieder: christlicher Glaube ist keine Gleichmacherei, ist kein monolithischer Block. Die Akzentuierung eines persönlichen Glaubens ist sehr ausdifferenziert. Es gibt immer weniger „den" Christen. Vielmehr komponieren viele Kirchenmitglieder ihre eigene „Glaubensmelodien". Für Theologen erscheinen diese nicht selten wenig symphonisch, wenn z. B. bekennende Christen an die Reinkarnation glauben. Auch kann der Religionsmonitor feststellen, dass mindestens 15 % der Kirchenmitglieder nichtreligiös sind - ihre Kirchenmitgliedschaft also auf anderen Intentionen als religiöser Orientierung gründet. Es lässt sich also kein Abbruch von Religiosität in der Gesellschaft feststellen. Im Altersgruppenvergleich sind die über 60-Jährigen zwar deutlich religiöser als die unter 60-Jährigen - und sie sind es auch in Hinblick auf die Kirchlichkeit. …“[3]

 

III. Was braucht Europa?

Was können nun die Kirchen und Religionen für Europa tun? Europa braucht eine Kultur der Anerkennung und der Wertschätzung des Lebens, die nicht bestimmte Entwicklungsstadien des Lebens, bestimmte gesellschaftliche Gruppen wie Behinderte, Kranke und Alte oder z.B. Zuwanderer unabhängig von ihrem rechtlichen Status davon ausschließt. Achtung und Akzeptanz des Fremden machen Begegnung und Kommunikation möglich, wenn so etwas wie eine versöhnte Verschiedenheit als Paradigma für das Zusammenleben der Menschen und Völker Europas diese Vielfalt als Reichtum zu deuten weiß.

Es muss ein Wertekonsens im Blick auf Freiheit, Gleichheit und Barmherzigkeit geschaffen werden. Hier liegt der Beitrag der Kirchen, der Religionen.

Für die Kirchen bietet sich hier eine besondere Chance. Sie können sich dafür einsetzen, dass die EU die soziale Verantwortung, den Schutz der Menschenrechte, den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und den Schutz der Vielfalt der europäischen Regionen und ihrer gewachsenen kulturellen Besonderheiten achtet. Die Stärke der Kirchen besteht in diesem Prozess darin, dass sie zum einen Dank ihres Bekenntnisses transnational sind und ihre Gemeinschaft durch die Taufe gestiftet wird, die Menschen aller Völker einschließt ohne Ansehen der Nationalität, der Rasse oder der Hautfarbe, und sich zum anderen die Kirchen in den jeweiligen Regionen geschichtlich und kulturell manifestieren, also eine ausgeprägte lokale Identität haben. Ulrich Beck bezeichnet die Kirchen als „prä- und postnationale Institutionen, anders als der Staat oder die Parteien und Gewerkschaften“, an die er den Appell richtet, „das Verhältnis zwischen weltbürgerlicher Orientierung, transnationalen Identitäten und Lebensformen und der Verteidigung des Ortes und seiner Besonderheiten zu vermitteln.“[4]

Mir scheint im Rückblick der 11. September 2001 der Tag zu sein, an dem die Gesellschaften vor allem in Westeuropa, neu erkannt haben, welche Werte sie in ihren Ländern zu verteidigen haben. In der Folge des Dramas von New York ist eine neue Wertedebatte angestoßen, in der viele Menschen nach den Wurzeln ihrer Kultur und ihrer Religion neu fragen – ohne dabei die im Eurobarometer gestellte Frage nach dem „Wert Religion“ direkt zu beantworten. Dies liegt auch daran, dass religiös fundierte Fragen und Antworten, die ganz persönliche Existenz betreffend, oft nicht mehr als religiöse Fragen und Antworten identifiziert werden. Das betrifft auch die Suche nach der eigenen, existentiellen Religion, die im Gegenüber zu einem fundamentalistisch erlebten Islam, entdeckt wird. „Die Konfrontation mit dem Fremden ruft die Gegenfrage nach dem Eigenen hervor: Wer sind wir?“ (Roß) Und was können wir tun? Die Antworten waren und sind vielgestaltig.

Novalis entfaltete 1799/1800 für Europa und seine Menschen in der Schrift „Die Christenheit oder Europa“ die Vision einer europäischen Einheitskultur unter katholischem Vorzeichen. Dieses Bekenntnis zu einem einheitlichen Europa auf christlicher Grundlage, in dem die durch Reformation und Gegenreformation erfolgte Selbstzerstörung Europas überwunden werden sollte, konnte sich schon damals nicht gegen die Zeitgenossen Goethe, Schlegel oder Schelling durchsetzen. Eine solche Vision wäre uns heute noch viel verdächtiger und wir würden sie als romantisierend ablehnen.

Dennoch ist die Prägekraft des Christentums in und für Europa - trotz aller Problematik, die auch durch das Christentum erzeugt worden ist - von entscheidender Bedeutung. Daran ändert auch die Anmerkung eines türkischen Minsterpräsidenten nichts, dass nach seiner Meiung Europa kein „Christenclub“[5] sei. Allerdings muss man sich klar machen, dass Europa eben nicht nur durch das Christentum geprägt ist und wird[6] und es kommt hinzu, dass das Christentum sich in sehr unterschiedlichen Formen und Gestalten, auch in Europa, darstellt und dass Europa durchaus auch eine Abkehr vom Christentum erlebt hat und erlebt. Das Gesicht Europas ist bis heute von christlich-jüdischen Traditionen und deren Geistigkeit bestimmt. Ich weise nur auf die zahlreichen Klöster, Hospitäler, Kirchen und Schulen, Wegkreuze und Kapelle hin, die Europa bestimmen. Der Jahreslauf trägt eine christliche Gestalt in seiner Rhythmisierung als 7-Tage-Woche, die immer noch mit dem Sonntag, dem Tag der Auferstehung Christi den Anfang nimmt bis zum Kirchenjahr, mit seinem liturgischen Kalender, das den Jahreslauf formiert und auch im Bewusstsein von Menschen seinen Ort und seine Bedeutung hat, die nicht unbedingt der Kirche nahe stehen. Und nicht zuletzt: Christen haben sich in Europa für Werte eingesetzt, die diesem Kontinent ein Gesicht gegeben haben. Um nur Weniges zu nennen, hierzu gehört die Erkenntnis der Natur als Schöpfung, die Vorstellung des Bildes vom Menschen, der aus dem Gegenüber zu Gott seine unantastbare Würde empfängt und Menschenrechte, die hieraus abgeleitet werden. Dabei ist der christliche Glaube in den meisten Teilen Europas inkulturiert worden, d.h. er verband sich mit den regionalen Kulturen Europas.[7]

Die geistige und geistliche Entwicklung bis in die Gegenwart Europas ist also nicht ohne das Christentum denkbar, denn die christliche Botschaft gibt Akzente, die der Entwicklung einer dem Menschen dienlichen Gesellschaft sehr förderlich sind. Hierzu gehört, dass die sozialen Fragen in die ökonomischen Entwicklungen und Gegebenheiten hineingesprochen werden müssen. Die soziale Dimension der Europäischen Union ist als solche noch nicht sehr ausgebaut. Unverbindlich ist die so genannte Sozialcharta. Gewiss gibt es in den einzelnen Mitgliedsstaaten soziale Systeme, aber die Mindeststandards in diesen Bereichen müssten europaweit rechtsverbindlich werden. Gilt doch, dass ohne eine gerechte Sozialpolitik auch auf Dauer Wirtschaftspolitik nicht zu guten Ergebnissen führen wird. Die Einsichten evangelischer Sozialethik und katholischer Soziallehre sind richtungsweisend.

Ganz abgesehen von dieser Situationsbeschreibung aber sind um des friedlichen Miteinanders der Religionen in Europa, um wechselseitige Anteilnahme auch an den die Menschen aus nichtchristlichen Glaubensgemeinschaften bewegenden und sie leitenden Einsichten und Perspektiven für ein gutes Leben, gute Formen der Begegnung und des Dialogs dringend nötig.

 

IV. Der interreligiöse Dialog und seine Prinzipien als Voraussetzung des gelingenden Miteinanders der Religionen für Europa

Ich komme auf meine Anmerkungen zum Kommentar des Bundesinnenministers in der FAZ zur Rolle der Religionen zurück und frage nun nach, wie das Miteinander der Religionen, ihr Dialog, gestaltet sein muß, damit er nicht entzweit, sondern um einer humanen, einer demokratischen Zukunft Europas willen, gelingt. Ich bin davon überzeugt, dass er gelingen muß, denn der Friede in unserer Gesellschaft hat viel mit dem Frieden zwischen den Religionen zu tun. Und nicht zuletzt: Wenn Kirchen und Religionen zur Entwicklung menschendienlicher Werthorizonte überzeugend beitragen wollen, dann muß dies eine säkulare Gesellschaft auch an der Art erkennen, wie diese miteinander und mit ihren Differenzen umgehen.

2004 hat Ministerpräsident Prodi als Präsident der Europäischen Kommission in Brüssel auf den Besuch europäischer Kirchenführer reagiert. Während dieses Gesprächs sagte Präsident Prodi: „Bis zu einem gewissen Grade nehmen Sie in den Kirchen die Zukunft Europas vorweg. Denn die entscheidende Aufgabe Europas ist es, der Pluralität eine Gestalt zu geben, die Einheit in Verschiedenheit zu leben. Und er fuhr fort: Die ökumenische Gemeinschaft der Kirchen ist ein Modell für die Einheit in Verschiedenheit, die wir in Europa brauchen. Wir sollten diese Perspektive erweitern: Die Weise, in welcher die Religionen ihr Verhältnis untereinander klären und wie sie ihren Dialog gestalten, ist von enormer Bedeutung für die Frage, ob unsere Gesellschaft ihre Differenzen friedvoll klären kann oder nicht.“

 

Worauf ist zu achten?

1.         Die Frage nach der Chance des Dialogs führt zur Frage nach den Bedingungen seines Gelingens. Dabei muss hinsichtlich der Religionen immer im Blick sein, dass hier ein Ringen zwischen der Verbindlichkeit des Wahrheitsanspruches, den jede Religion hat und dem Respekt vor dem Mitmenschen – unabhängig von seiner religiösen Überzeugung – geschieht. In diesem Respekt vor den Mitmenschen liegt eine wesentliche Wurzel der Toleranz.

2.         Ohne die Selbsthinterfragung des Eigenen, ist Toleranz nicht zu haben. Voraussetzung für die kulturellen Praktiken der Toleranz bleibt der Verzicht auf die bösartigen Formen der Souveränität und der Selbstermächtigung. Oder anders gesagt, Toleranz lebt von dem Versprechen, auf Identitätsgewinn durch Verzicht.

3.         Verbindlichkeit und Glaubwürdigkeit können weder theoretisch noch durch Negation anderer Glaubensweisen gewonnen werden. Als Christ kann ich sagen: „Jesus Christus ist die entscheidende Wahrheit.“ Wie aber prägt das mein Verhältnis zu Muslimen? Der Pluralismus neigt zur Toleranz - und das ist gut so. Aber das bedeutet nicht, dass man deshalb die Vorstellung haben muss, es gäbe keine Wahrheit, es sei alles nur eine mehr oder weniger subjektive Angelegenheit. Zur Gesellschaft mit kultureller Vielfalt kann nur beitragen, wer sich für beides interessiert, für die fremden Kulturen und für die eigene kulturelle Identität. Wer mit Religiösen über Religion sprechen will, muss allerdings selbst eine haben.

4.         Interreligiöse Gespräche leben also davon, daß Menschen zusammentreffen, für die ihre jeweilige Religion eine gelebte Existenzform, eine individuell angeeignete Gestalt des Lebens ist. Nach dem Verbindenden zwischen den Kulturen kann nur fragen, wer auch deren Unterschiede zu benennen vermag. Dialoge zwischen den Religionen - auch mit Absolutheitsanspruch - können allerdings nur den Religionen gelingen, die zu einem "Pluralismus aus Prinzip", einem positionellen Pluralismus fähig sind.

5.         Ein positioneller Pluralismus hat folgende Merkmale: Er ist vom exklusiven Wahrheitsanspruch seiner Religion überzeugt und gewinnt von daher die Perspektive zur Beurteilung der anderen Religionen. Dieser Wahrheitsanspruch wird allen zugebilligt. Dialog wird erst dann möglich, "wenn die jeweiligen Dialogpartner sich gegenseitig die Selbstdefinition ihrer eigenen Position gewähren."

Positioneller Pluralismus setzt Toleranz als Akzeptanz des Fremden voraus. Dies ist mehr als Duldung. Möglich ist dies nur in Gemeinwesen, die zwischen Religion und Staat trennen, ohne Zusammenarbeit auszuschließen. Dabei gilt es, die Ängste vor dem Fremden und Bedrohlichen als Bestandteile des gesellschaftlichen Bewusstseins zunächst zu akzeptieren, um dann nach Bedingungen zu suchen, die eine Annäherung zwischen jeweils Anderen und einander Fremden begünstigen.[8]

6.         Die Gedanken von Michael Walzer zur Toleranz, verstanden als Zivilisierung der Differenz, die in der Kunst der Trennung ihre hermeneutische Zuspitzung haben, finden sich in einer biblischen Geschichte. In ihr sagt Abraham zu Lot, seinem Neffen: „Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben. Wir sind doch Brüder. Liegt nicht das ganze Land vor dir. Trenne doch also von mir. Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts, wenn du nach rechts willst, gehe ich nach links.“ (Genesis 13, 8 – 9). Hier findet sich ein tolerantes Modell, das die Differenz zivilisiert. Dies ist das Modell eines pragmatischen Friedens in einer unvollkommenen Welt: Gerade damit Menschen miteinander geschwisterlichen Umgang pflegen können, ist es manchmal notwendig, die jeweiligen Gebiete abzugrenzen – wobei ich dies nicht geographisch verstehe -, denn während nach einer Vereinigung in Liebe gestrebt wird, sind Menschen zugleich den von ihrer menschlichen Endlichkeit gesetzten Grenzen unterworfen. Damit wird vor idealistisch-harmonisierenden Versöhnungsbemühungen zwischen den Religionen und Kulturen gewarnt. Es geht um die Zivilisierung der Differenz![9]

7.         Toleranz setzt Bildung voraus, ebenso wie die Chance des Dialogs der Kulturen ohne Bildung verkümmern würde. Bildung ist die Fähigkeit, die Anderen als Andere zu erkennen und anzuerkennen. Sie ist die Fähigkeit, mit Anderen in Dialog zu treten und gerade im Dialog bei aller Lernbereitschaft die eigene geistige und religiöse Beheimatung besser wahr zu nehmen und sich die Kompetenz einer religiösen Sprach- und Artikulationsfähigkeit anzueignen. Wir brauchen gebildete Religion. Und wir brauchen Begegnungen der Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit, die um die eigene Glaubenstradition wissen und zugleich die der anderen respektieren.

Mit dem Projekt „WEISST DU Wer ICH BIN?“[10], das seit 2005 in Verantwortung der ACK arbeitet, geschieht das In gut 100 lokalen Projektgruppen wird in Gesprächen und mit Aktionen die Kenntnisse über die andere und über die eigene Religion vermehrt. Das Projekt regt so dazu an, Neugier füreinander zu entdecken, Vorbehalte zu überwinden und Gemeinschaft zu stärken. Angesprochen sind deshalb junge und ältere Menschen aus jüdischen, christlichen und muslimischen Gemeinden sowie aus Kindergärten oder Jugendgruppen, Schulen oder Vereinen.

 

V. Fazit

Am 15. Mai 2007 fand ein Treffen der Präsidenten des Europäischen Parlaments, des Europäischen Rates und der Europäischen Kommission mit hohen religiösen Würdenträgern unter dem Motto: „Die Menschenwürde als Fundament des europäischen Aufbauwerks“.

Kommissionspräsident José Manuel Barroso erklärte aus diesem Anlass: „Weder die geografische Nähe noch eine gemeinsame Geschichte reichen aus, um einen Verbund von Staaten und Völkern dauerhaft zu zementieren. Es sind die universellen Werte, die Teil unseres gemeinsamen Erbes sind, die den Integrationsprozess zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union und zwischen ihren Bürgern entscheidend voranbringen.“

Es liegt nicht zuletzt an den Religionen, wie konkret, wie sozial wirksam und wie friedensstiftend diese Werte in einem zunehmend von ökonomischen Interessen bestimmten Europa zur Geltung kommen.



[3] Martin Rieger, Zugänge zum Verhältnis von Religion und Gesellschaft - Auswertung Religionsmonitor 2008. Unveröffentlichter Vortrag am 12. August 2010 in Braunschweig.

[4] Ulrich Beck, Gespräch, Frankfurter Rundschau vom 22.04.00.

[5] www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,534199,00.html.

[6] Für die Pluralität kultureller Prägungen stehen die Namen Athen, Rom und Jerusalem. Damit ist der Dreiklang im Grunde beschrieben, der auch für das heutige Europa von entscheidender Bedeutung ist. Athen steht für die Offenheit gegenüber den Wissenschaften und Künsten, Rom für die rechtliche Gestaltung politischer Herrschaft und Jerusalem für die jüdische und christliche Religion.

[7] Zum Ganzen: Adolf Muschg, Was ist europäisch?, München 2005.

[8] Zum Ganzen: Wilfried Härle, Die Wahrheitsgewißheit des christlichen Glaubens und die Wahrheitsansprüche anderer Religionen, in: ZS f. Mission Jg. 24,1998, 176ff.

[9] Michael Walzer, Über Toleranz, 1997.

[10] Das Projekt wurde und wird verantwortet von der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), dem Zentralrat der Juden, dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB).