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01.09.2011 00:00 Alter: 8 yrs

Hirtenbrief zum Tag der Bewahrung der Schöpfung

Bartholomaios, durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom, und Ökumenischer Patriarch


+ Bartholomaios
durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch dem ganzen Volk der Kirche
Gnade und Friede von dem Schöpfer der ganzen Schöpfung,
unserem Herrn, Gott und Erlöser Jesus Christus



Im Herrn geliebte Kinder,

Gottes Gnade würdigt uns heute des Neubeginns des Kirchenjahres, eines neuen Festzyklus, der uns viele Gelegenheiten bieten wird, den geistlichen Kampf zu führen und uns der uns verliehenen Fähigkeit, „Gott ähnlich zu werden“, in noch höherem Maß würdig zu erweisen, damit auch wir zu seinen Heiligen zählen dürfen.

Doch der heutige Tag, der 1. September, der erste Tag des neuen Kirchenjahres, ist auf Initiative des Ökumenischen Patriarchates auch dem Gebet für die natürliche Umwelt gewidmet. Diese Initiative steht durchaus im Zusammenhang mit der eingangs skizzierten Bedeutung des heutigen Tages, denn der geistliche Kampf, der den Wandel des Menschen zum Guten herbeiführt, hilft auch dazu, die Beziehung zur Umwelt zu verbessern und den Menschen für ihren Schutz und ihre Bewahrung zu sensibilisieren.

Wir verherrlichen also heute Gottes heiligen Namen, denn er hat der Menschheit die Natur geschenkt und erhält sie und bewahrt sie – als jene Umgebung, die mehr als jede andere geeignet ist, die gesunde Entwicklung des menschlichen Leibes und des menschlichen Geistes zu gewährleisten. Zugleich können wir aber nicht verschweigen, dass der Mensch dieses Geschenk Gottes nicht angemessen würdigt und die Umwelt aus Gier oder aus anderen egoistischen Motiven zerstört.

Unsere Umwelt besteht bekanntermaßen aus dem Land, den Gewässern, der Sonne und der Luft, aber auch aus Flora und Fauna. Der Mensch darf zwar die Natur zu seinem Nutzen ausbeuten, aber nur begrenzt, damit die Regenerationsfähigkeit, d. h. das Vermögen zur Wiederherstellung der verbrauchten Energieressourcen sowie der vernunftlosen lebenden Organismen gewahrt bleibt.

Übrigens ist die recht verstandene Ausbeutung der Natur dem Menschen von Gott geboten, und das sowohl vor als auch nach dem Sündenfall. Aber die Überschreitung der ihm gesetzten Grenze, die leider ein Phänomen der beiden letzten Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte darstellt, zerstört die Harmonie der Umwelt und führt zur Erschöpfung und zum Absterben nicht nur der Natur, sondern auch des Menschen selbst, der in einem unwiderruflich aus dem Gleichgewicht geratenen Ökosystem nicht überleben kann. Ein Ergebnis dieses Phänomens ist das Auftreten und die Ausbreitung von Krankheiten, die aus der vom Menschen hervorgerufenen Verseuchung von Lebensmitteln resultieren.

In unseren Tagen wird zwar zu Recht die große Bedeutung der Wälder und ganz allgemein der Flora für die Regenerationsfähigkeit des Ökosystems der Erde und die Bewahrung der Ressource Wasser herausgestellt, aber man sollte auch den großen Beitrag der Tiere für die Balance dieses Systems nicht unterschätzen. Die Tiere waren von Anfang an Freunde des Menschen und seine Diener bei der Verrichtung lebensnotwendiger Arbeiten. Außerdem gewährten und gewähren sie ihm Nahrung und Kleidung, helfen ihm beim Transport von Gütern, beschützen sie ihn und leisten ihm Gesellschaft. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist sehr eng. Das zeigt schon der Umstand, dass Mensch und Tier am selben Schöpfungstag geschaffen wurden (Genesis 1,24-31). Das zeigt auch die Weisung Gottes an Noa, von jeder Art ein Paar vor der drohenden Flut zu retten (Genesis 6,19). Es ist charakteristisch, dass Gott eine besondere Fürsorge für das Überleben des Tierreiches übt. In den Viten der Heiligen werden viele Erzählungen von den außerordentlichen Beziehungen zwischen den Heiligen und den wilden Tieren, die normalerweise keinen freundlichen Umgang mit Menschen Pflegen, überliefert. Gewiss hat das nichts damit zu tun, dass sie von Natur aus böse wären, sondern eher damit, dass der Mensch sich der Gnade Gottes widersetzte, was zu seinem konfliktbeladenen Verhältnis mit den Elementen und den vernunftlosen Lebewesen der Natur führte. Überdies ist die Störung dieser Beziehungen zur Umwelt eine Folge der Störung der Beziehung der Stammeltern zu ihrem Schöpfer: „Verflucht sei die Erde in deinen Werken. Unter Schmerzen wirst du sie (von ihr) essen alle Tage deines Lebens. Dornen und Disteln wird sie dir aufgehen lassen, und du wirst die Grünpflanzen des Feldes essen. Im Schweiß deines Angesichtes wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zu der Erde, von der du genommen bist“ (Genesis 3,17-19). Der Herstellung des Friedens zwischen Mensch und Gott folgt auch die Herstellung des Friedens zwischen dem Menschen und den Elementen der Natur.      

Es ist offenkundig, dass sich die Beziehung des Menschen zur Umwelt gut entwickelt, wenn sich auch seine Beziehung zu Gott zum Guten wendet. Bekannt ist die Erzählung des Synaxaristen über die Erfahrung, die Antonios d. Gr. machte, als er im Alter von neunzig Jahren entschied, geführt vom Engel des Herrn in das Innere der Wüste zu wandern, um dort einen anderen Einsiedler, den heiligen Paulus von Theben, aufzusuchen, um von ihm geistlichen Rat zu empfangen. Nach dreitägiger Wanderung auf der Suche nach ihm, während derer er Spuren von wilden Tieren gefolgt war, begegnete er einem Löwen, der sich stumm vor ihm verneigte, umwandte und den heiligen Antonios zur Höhle des heiligen Paulus führte, wo er ihn fand, umgeben von wilden Tieren, die ihm dienten. Ein Rabe brachte ihm das tägliche Brot! Jedoch an dem Tag des Besuches des heiligen Antonios d. Gr. brachte er ihm die doppelte Ration und trug so auch für dessen Besucher Sorge! Da diese Heiligen eine gute Beziehung zu Gott entwickelt hatten, hatten sie auch freundschaftliche Beziehungen mit allen Lebewesen der Natur. Die Schaffung dieser guten Beziehung zu Gott muss als unsere erste Sorge allen anderen Sorgen vorgeordnet werden; dieser Perspektive soll auch unsere gute Beziehung zur Fauna, zur Flora und zu unserer unbeseelten Umwelt dienen. In dieser Perspektive ist auch die Tierliebe nicht nur ein steriler, gesellschaftlicher Ausdruck der Sympathie mit den uns lieben Tieren, die leider oft genug von der Missachtung für den leidenden Mitmenschen, das Bild Gottes, begleitet wird, sondern das Resultat unserer guten Beziehung zum Schöpfer des Alls. Möge der Schöpfer des „sehr guten“ Alls und des „sehr guten“ irdischen Ökosystems uns alle inspirieren, uns barmherzig gegenüber allen Elementen der Schöpfung zu verhalten, mit einem mitleidserfüllten Herzen für alle diese Elemente, Menschen, Tiere und Pflanzen – gerade so, wie der hl. Abt Isaak d. Syrer es sagt, da er auf die Frage antwortet: „Was ist ein mitleiderfülltes Herz?“ – „Ein mitleiderfülltes Herz ist ein Feuer, das das Herz für die ganze Schöpfung entflammt, für die Menschen, für die Vögel, für die Säugetiere, und für jegliches Geschöpf. Wenn der barmherzige Mensch an sie denkt und wenn er sie sieht, füllen sich seine Augen mit Tränen wegen des grenzenlosen und heftigen Erbarmens, das sein Herz umfängt. Wegen seines großen Mitleids wird sein Herz demütig und unfähig zu ertragen, zu hören oder zu sehen, dass einem Geschöpf Schaden oder auch nur das geringste Leid zugefügt wird“ (Isaak d. Syrer, 81. Rede).

Durch diese unsere Barmherzigkeit mit der ganzen Schöpfung werden wir dem uns verliehenen Rang, Könige der Schöpfung zu sein, die sich mit väterlicher Liebe all ihren Elementen zuwenden, gerecht werden, so dass sie uns dank der Empfindung unserer wohltätigen Disposition gehorchen und uns zu Diensten sind bei der ihrer Sendung gemäßen menschenliebenden und bereitwilligen Lösung unserer Nöte.      


1. September 2011


Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel,
in Christus geliebter Bruder
und inständiger Fürbitter bei Gott