Deutsch
Ελληνικά
17.04.2019 09:35 Alter: 239 days

Fastenbrief der orthodoxen Bischöfe Deutschlands 2019


Liebes und geehrtes orthodoxes Volk,

 

wir sprechen Sie in den Tagen des heiligen und großen Osterfastens an, von dem Gebet erfüllt, dass diese Zeit für Sie alle Freude und Erlösung bringt. In der Tat ist das Osterfasten im orthodoxen christlichen Leben einerseits die schönste Zeit des Jahres, in der wir uns, so sehr wir können, bemühen, unser Leben wahrhaftig in die Hände unseres Herrn und Erlösers Christus zu legen. Andererseits ist während des Osterfastens das Schönste und Größte die Karwoche, in der wir uns an das ruhmvolle und heilsame Leiden Christi erinnern, das für uns und unsere Erlösung stattfand. Der Höhepunkt dieser Woche ist der Karsamstag, der uns in den großen und herrlichen Glanz der Auferstehung Christi einführt.

Diese Gedanken sollen uns ermutigen, das Fasten gleichzeitig als die Zeit der Umkehr und der Freude zu verstehen. Reue und Freude oder freudige Trauer (χαρμολύπη) ist unser orthodoxes christliches Ethos, unsere Lebensweise, unser Gesicht, das wir erlangen, indem wir vor dem göttlichen und barmherzigen Antlitz unseres Erlösers unermüdlich für die Vergebung unserer Sünde beten. Denn Christus ließ sich freiwillig kreuzigen, um die Welt und uns alle mit Freude zu erfüllen.

Die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen verweist immer auf Zusammenhalt und Einheit. Das Ethos und das Motto, unter dem Christen in der Lokalkirche leben, lautet, dass kein Mitglied einem anderen sagen kann: „Ich brauche dich nicht.“ (1 Kor. 12, 21). Daher ist jedes Mitglied einer Gemeinschaft gleichwertig, weil jedes seine eigene Begabung und Einzigartigkeit und damit Verschiedenheit besitzt. Daher ist das Wort des Apostels Paulus, der lehrt „Wer aber [kein Fleisch] isst, richte den nicht, der [es] isst…“ (Röm. 14, 3), so wichtig und notwendig. Sowohl das Fasten als auch die Askese sind der Weg und die Vorbereitung, um so bereit wie möglich zu dem, was der Mittelpunkt unserer christlichen Existenz ist – der Eucharistie bzw. der Heiligen Liturgie –, zu gelangen.

Vor langer Zeit, schon in den ersten drei Jahrhunderten, wurde das Bewusstsein von der untrennbaren Verbindung zwischen der Eucharistie und dem Reich Gottes gebildet (daher heißt die Kirche - Kirche Gottes). Bereits im ersten Jahrhundert spricht der hl. Ignatius von Antiochien von der Einheit der eucharistischen Gemeinschaft und verwendet dabei den Begriff „katholische Kirche“. Wenn es um die Kirche geht, bringt Ignatius den Gegensatz zwischen den Begriffen „lokal“ und „universell“ in Einklang. Die eucharistische Versammlung ist für Ignatius mit der gesamten in Christo vereinigten Kirche identisch. Bei ihm lässt sich der Begriff Katholizität (Sobornost) als die Integrität, Fülle und Gesamtheit des Leibes Christi verstehen. Auf diese Weise lassen sich die beiden vorherrschenden Visionen der frühen Kirchenväter vereinbaren: a) die Idee der Lokalkirche, die dieselbe Identität wie die Kirche Gottes hat, weil in jeder dieser Lokalkirchen die Hl. Eucharistie vollendet wird (hl. Ignatius), und b) die Vision der Weltkirche, als einen Körper im ganzen Universum (hl. Cyprian von Karthago).

 

Die Idee der Sobornost der Kirche offenbart, dass es sich um die Gemeinschaft und die Einheit der ganzen Schöpfung in der Person Christi handelt. Dieses katholische, Sobornost-Ethos ist gar nicht vorhanden, es sei denn, es offenbart die Einheit in Christus. Die Gabe der Gegenwart Christi in der Gemeinschaft vereint alles in einer einzigartigen existentiellen Realität. Die Gegenwart desjenigen, der die Gemeinschaft in sich selbst errichtet, und (durch sie) auch die Schöpfung, darf nicht als Besitz (oder Eigentum) dieser Gemeinschaft verstanden werden, sondern als Geschenk, das ihr gegeben wird. Auf uns liegt, liebe orthodoxe Christen, die Verantwortung dafür, wie wir diese Gabe behandeln! Wir empfehlen Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Anstrengung, um das Wichtigste nicht zu verlieren: Einheit und Gemeinschaft. Denn das ist nicht mehr und nicht weniger als die Voraussetzung unserer Erlösung. Jesus zeigte und sagte uns, dass wir eins werden sollen, indem er, bevor er unseretwegen und um unseres Heils willen freiwillig zu seinem Tode hinausging, gebetet hatte: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Joh. 17, 21) Das war aber nicht nur ein Wort und ein Gebet, sondern dieses Wort wurde durch sein Blut am Kreuz besiegelt und danach durch seine Auferstehung erleuchtet und verewigt. Genauso ist jedes andere vom Evangelium überlieferte Wort Christi heilsam und voller Leben. Es ist das Wort, das gleichzeitig verpflichtet und befreit.

In unserer Zeit hat die Orthodoxie aufgrund vieler Unglücke, Streitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten unzählige Gründe für Trauer und Weinen, so wie jeder von uns unzählige Gründe für die Trauer um seine eigenen Sünden und Streitigkeiten mit sich selbst und mit den Anderen hat. Aber darum gibt es das unauslöschliche und große Licht des Sieges und der Auferstehung Christi als ewige Erinnerung und Quelle der Freude und des Lebens. Deshalb fasten und beten wir zum Herrn und treten in die Osterfreude und in die Lebensfreude ein. Deshalb soll und darf unser christliches Leben niemals ohne das Osterlicht sein. Daher diese Einladung zur Freude, zu Leben und Frieden in uns allen und in allem, was uns umgibt.

 

Düsseldorf, den 23. März 2019 

 

† Metropolit Augoustinos von Deutschland, Exarch von Zentraleuropa

Vorsitzender

und die übrigen Mitglieder

der Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland