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30.08.2019 12:07 Alter: 48 days

Hirtenbrief zum Tag der Bewahrung der Schöpfung

+ Bartholomaios durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom, und Ökumenischer Patriarch


dem ganzen Volk der Kirche

Gnade und Friede und Erbarmen von dem Schöpfer der ganzen Schöpfung,

unserem Herrn, Gott und Erlöser Jesus Christus

 

 

 

Geliebte Brüder im Bischofsamt und liebe Kinder im Herrn!

 

Dank des Wohlgefallens und der Gnade Gottes, der alle gute Gaben schenkt, ist es heute dreißig Jahre her, seitdem die Heilige Große Kirche Christi, das Ökumenische Patriarchat, das Fest der Indiktion und des Beginns des Kirchenjahres zum „Tag der Bewahrung der Umwelt“ erklärt hat. Diese gesegnete Initiative hat reiche Frucht getragen. Wir haben uns dabei nicht allein an die orthodoxen Gläubigen oder nur an die Christen oder die Repräsentanten anderer Religionen, sondern auch an die Politiker, die Umweltexperten und andere Wissenschaftler gewandt – an die Intellektuellen und an jeden Menschen guten Willens, um alle zu bitten, ihren Beitrag zu leisten.

 

Die ökologischen Aktivitäten des Ökumenischen Patriarchates gaben der Theologie den Anstoß, sich der Wahrheit der christlichen Anthropologie und Kosmologie, der eucharistischen Sicht und dem eucharistischen Gebrauch der Schöpfung und dem Geist der orthodoxen Askese als Grundlage der Erkenntnis der Ursachen und der Auseinandersetzung mit der ökologischen Frage zuzuwenden. Die Bibliographie zur theologischen Ökologie bzw. zur ökologischen Theologie ist ausführlich und stellt insgesamt ein beachtliches orthodoxes Zeugnis angesichts einer der größten Herausforderungen für die heutige Menschheit und das Leben auf der Erde dar. Die Auseinandersetzung mit der Umweltproblematik und den kosmologischen Dimensionen und Folgen der Sünde, dieser inneren Selbstentfremdung als einer „Umkehr der Werte“ des Menschen, hat den Blick auf den Zusammenhang ökologischer und gesellschaftlicher Probleme sowie die Notwendigkeit, sie zusammen zu behandeln, freigegegeben. Der Einsatz für den Schutz der Bewahrung der Schöpfung und der Einsatz für soziale Gerechtigkeit sind untrennbar miteinander verbunden.

 

Das Interesse des Ökumenischen Patriarchates für die Bewahrung der Schöpfung ist nicht als Reaktion auf die gegenwärtige Umweltkrise entstanden und ist nicht ihr Resultat. Die Krise war nur der Anlass und die Gelegenheit für die Kirche, ihre umweltliebenden Prinzipien auszudrücken, zu entfalten, zu verkünden und darzulegen. Das Fundament der unablässigen Sorge der Kirche für die natürliche Umwelt sind ihre ekklesiologische Identität selbst und ihre Theologie. Der Respekt vor der Schöpfung und ihre Bewahrung sind Dimension unseres Glaubens sowie Inhalt unseres Lebens in der Kirche und als Kirche. Das Leben der Kirche selbst ist „gelebte Ökologie“, tätiger Respekt und Sorge für die Schöpfung und Ausgangspunkt der  ökologischen Aktivitäten der Kirche. Im Grunde ist das Interesse der Kirche für die Bewahrung der Schöpfung die Fortsetzung bzw. Anwendung der Eucharistie auf alle Dimensionen ihrer Beziehung zur Welt. Das liturgische Leben der Kirche, ihr asketisches Ethos, ihr pastoraler Dienst, die erfahrene Einheit von Kreuz und Auferstehung im Leben der Gläubigen und das unstillbare Verlangen nach der Ewigkeit kennzeichnen eine Gemeinschaft von Personen, für welche die Natur kein Objekt oder Gebrauchsmaterial für die Befriedigung der Bedürfnisse des Individuums und der Menschheit darstellt, sondern etwas, was Gott als Person bewirkt, getan und erschaffen hat, der uns einlädt, sie zu respektieren und zu schützen, sodass wir zu Seinen „Mitarbeitern“ werden, zu „Verwaltern“, zu „Wächtern“ und zu „Priestern“ der Schöpfung, um eine eucharistische Beziehung zur Schöpfung zu pflegen.

 

Die Sorge um die natürliche Umwelt ist keine zusätzliche Aktivität des kirchlichen Lebens, sondern wesentlicher Ausdruck desselben. Sie hat keinen weltlichen, sondern einen ausgesprochen kirchlichen Charakter, ist ein „liturgischer Dienst“. Alle Initiativen und Tätigkeiten der Kirche sind „angewandte Ekklesiologie“. In diesem Sinn bezieht sich die theologische Ökologie nicht allein auf die Entwicklung einer Sensibilität für die Umweltfragen und auf die Auseinandersetzung mit diesen auf der Grundlage der Prinzipien der christlichen Anthropologie und Kosmologie, sondern sie erstreckt sich auf die Erneuerung der ganzen Schöpfung in Christus, wie sie in der heiligen Eucharistie – gleichsam einem Vorgeschmack der eschatologischen Erfüllung der göttlichen Ökonomie in der doxologischen Fülle und im doxologischen Lichtstrom des Reiches Gottes - verwirklicht und erlebt wird. 

 

Ehwürdige Brüder und geliebte Kinder im Herrn,

 

die Umweltproblematik zeigt, dass die Welt eine Einheit bildet, denn unsere Probleme sind global und allen gemeinsam. Um die Gefahren abzuwehren bedarf es umfassender Mobilisierung, konvergierender Auffassungen, gemeinsamen Weges und Handelns. Es ist unvorstellbar, dass die Menschheit in Kenntnis der Größe dieser Problematik sich weiterhin so verhält, als ob sie keine Kenntnis davon hätte. Während in den vergangenen Jahrzehnten das vorherrschende Modell der wirtschaftlichen Entwicklung im Zuge der Globalisierung mit dem Fetischismus der wirtschaftlichen Wachstumsindikatoren und der Gewinnmaximierung als Kennzeichen dafür sorgte, dass sich die ökologischen und gesellschaftlichen Probleme noch verschärften, herrscht weiterhin verbreitet die Auffassung, „es gäbe keine andere Option“ und die Nichtanpassung an die unerbittliche Wirtschaftslogik führe zu unkontrollierten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situationen. Auf diese Weise werden  alternative Entwicklungsmöglichkeiten und die Macht sozialer Solidarität und Gerechtigkeit verkannt und in Mißkredit gebracht.  

 

Wir müssen uns noch aktiver für die praktische Anwendung der ökologischen und gesellschaftlichen Konsequenzen unseres Glaubens einsetzen. Es ist außerordentlich bedeutend, dass unsere Erzbistümer und Metropolien, dazu viele Gemeinden und Klöster ökologische Initiativen zum Schutz der Umwelt und vielfältige Programme für umweltfreundliches Verhalten entwickelt haben. Besondere Sorgfalt verdient die christliche Unterweisung der Jugend, damit sie zur Entfaltung eines ökologischen Ethos und solidarischen Verhaltens angehalten wird. Kindheit und Jugend sind Lebensphasen, die für die Sensibilisierung zu ökologischer und gesellschaftlicher Verantwortung besonders geeignet sind. Das Ökumenische Patriarchat hat in Kenntnis der Bedeutung der Umwelterziehung im Rahmen seiner diesbezüglichen Seminare die dritte internationale „Chalki-Konferenz zu Theologie und Ökologie“, die vom 31. Mai bis 4. Juni 2019 an seinem Sitz stattfand, der Frage, wie Umweltseminare und Programme zur ökologischen Erziehung in die Lehrpläne der Theologischen Fakultäten aufgenommen werden können, gewidmet. Die großen Probleme der Menschheit können nicht ohne geistliche Orientierung gelöst werden.

 

Abschließend wünschen wir allen ein gutes, gesegnetes Kirchenjahr, das reich an Gott wohlgefälligen Werken sei, und appellieren an die lichterfüllten Kinder der Mutterkirche in der ganzen Welt, für die Bewahrung der Schöpfung zu beten, in allen Dimensionen ihres Lebens umweltfreundlich und geschwisterlich zu leben, für den Schutz der natürlichen Umwelt und die Verbreitung des Friedens und der Gerechtigkeit zu kämpfen. Wir verkünden von neuem die Wahrheit, dass es keinen wahren Fortschritt geben kann, wenn die „sehr gut“ erschaffene Schöpfung und der nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffene Mensch leiden, und rufen auf Euch durch die Vermittlung der allheiligen Gottesgebärerin, deren Pammakaristos-Ikone wir verehren, die lebenschenkende Gnade und das unermessliche Erbarmen des Schöpfers  und Erhalters der ganzen Schöpfung herab.

 

 

1. September 2019

+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel

Euer aller inständiger Fürbitter