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21.06.2018 15:39 Alter: 145 days

Ganz erlöst, weil ganz von Gott angenommen.

von Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln.


Das Schreiben der Glaubenskongregation

Placuit Deo

über einige Aspekte des christlichen Heils

 

 

 

Eminenz, sehr verehrter, lieber Herr Metropolit,

sehr geehrte Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,

liebe Schwestern und Brüder!

 

„Wer braucht (noch) einen (gnädigen) Gott?“ Unter diesem Titel hat das Erzbistum Köln im vergangenen September ein hochkarätig besetztes Symposium veranstaltet. Anlass bot das Reformationsgedenken, und so war das Tagungsthema nicht zufällig in enger Anlehnung an Luthers existentielle Frage formuliert: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“. Im Vergleich zu Luthers angstvollem, verzweifelten Ringen freilich wirkt der moderne Titel des Symposiums geradezu resignativ, fast wegwerfend.

 

So wenig die Ausrichter der Tagung diesen Wandel begrüßen, so sehr liegt er im Trend unserer Zeit. An „irgendeine höhere Macht“ glauben laut einer neueren Studie relativ viele, sogar wenn sie sich selbst als Atheisten sehen. Ein personaler Gott dagegen, der Liebe schenkt, Liebe fordert, ja selbst Liebe ist, der sich voll Gnade jedem Menschen zuwendet, löst weithin Kopfschütteln aus.

 

Mitten hinein in unsere „gnadenlose“ Zeit hat nun im vergangenen März die römisch-katholische Glaubenskongregation ein Schreiben über einige Aspekte des christlichen Heils gesandt. Gleich zu Beginn bekennt sie sich dazu, dass der dreifaltige Gott seine Gnade und Wahrheit in der Person Jesu Christi geoffenbart hat. Insbesondere zwei gegenwärtige Tendenzen sieht die Kongregation in Opposition zu dieser Frohen Botschaft: Zum einen verstehe sich der moderne und postmoderne Mensch als autonomes, unabhängiges und in sich ruhendes Subjekt, „dessen Verwirklichung allein von seinen eigenen Kräften abhängt“ (n. 2). So erscheine Christus allenfalls noch als moralisch gutes Vorbild, nicht aber als derjenige, durch den Gott der Vater im Heiligen Geist die Welt mit sich versöhnt und neu schafft.

 

Zum anderen befürchtet das Schreiben wohl zu Recht, dass Gottes Heil mittlerweile in die Innerlichkeit der Gefühlswelt abgedrängt wird. Man ordnet den Glauben als Privatsache ein, die wenig oder nichts mit der Gestaltung der Welt zu tun hat. Diese Neigung steht der Menschwerdung Christi diametral gegenüber, zu dessen Heilswerk es untrennbar dazugehört, dass er „unser Fleisch sowie unsere Geschichte angenommen hat“ (n. 2). Das unsichtbare, unfassbare „Wort des Lebens“ ist Mensch geworden und konnte daher – so sagt es der heilige Johannes in seinem Ersten Brief - „gehört, … mit unseren Augen gesehen, … geschaut und … angefasst“ werden (vgl. 1 Joh 1,1). Und so will und soll der Logos, den wir gesehen haben, bezeugt und verkündet sein. Weil er Fleisch geworden ist, gehören Christentum und „Verleiblichung“ der Gnade untrennbar zusammen.

 

Im Anschluss an Papst Franziskus vergleicht die Glaubenskongregation die beiden modernen Irrwege mit dem alten Pelagianismus auf der einen Seite und der frühchristlichen Gnosis auf der anderen. Allerdings identifiziert das Schreiben die jeweiligen Wege nicht einfach miteinander, sondern weist nur hin auf „eine gewisse Ähnlichkeit mit den eben beschriebenen Tendenzen unserer Zeit“ (n. 3). Die Unterschiede liegen auf der Hand: Pelagius sah noch Gottes Gnade in ausreichendem Maße der menschlichen Natur eingestiftet, während die durch Existentialismus und Autonomiebestreben hindurchgegangene Moderne die Vorstellung eines gnädigen Schöpfergottes von sich weist. Ähnlich verhält es sich mit dem aktuellen Gnostizismus, der den menschlichen Verstand „über das Fleisch Christi hinaus zu den Geheimnissen der unbekannten Gottheit erhebt“ (n. 3, vgl. Lumen fidein. 47). Dabei wird diese Gottheit freilich nicht mehr als Person verstanden, sondern als „Urkraft“, als anonyme und amorphe Gottheit, eben als „irgendeine höhere Macht“, um nochmals die eingangs genannte Studie zu zitieren.

 

Man kann der Glaubenskongregation nur zustimmen, wenn sie im Weiteren sowohl auf die soziale Prägung und Orientierung des Menschen als auch auf die Leiblichkeit der erlösenden Auferstehung Christi hinweist. Hinsichtlich der beiden bedenklichen Tendenzen im aktuellen Gnadenverständnis bekräftigt das vorliegende Schreiben – ich zitiere nochmals wörtlich -, „dass das Heil in unserer Vereinigung mit Christus besteht, der durch seine Menschwerdung, sein Leben und Sterben und seine Auferstehung eine neue Ordnung von Beziehungen mit dem Vater und unter den Menschen gestiftet und uns dank der Gabe seines Geistes in diese Ordnung hineingenommen hat“ (n. 4). „Was nicht angenommen ist, ist nicht geheilt“, so haben es uns die Väter eingeschärft, beginnend mit dem heiligen Gregor von Nazianz. Ja, es kommt nicht auf eigene Leistung an, sondern auf die Annahme durch Gott und seine Gnade. Und es kommt auf die gesamte, unverkürzte Annahme des ganzen Menschen an, mit dessen Seele, dessen Leib und auch mit dem Geflecht an Beziehungen zur Welt, das die menschliche Wirklichkeit fundamental prägt.

 

„Was ist der Mensch?“: Diese existentielle Frage ist nicht neu. Schon die Bibel stellt sie angesichts menschlicher Größe (Ps 8), aber auch menschlicher Vergänglichkeit (Ps 144) und unter Gottes prüfendem Blicks (Hiob 7). Und doch war der Mensch sich selbst wohl noch nie so sehr ein Rätsel wie in der Moderne und Postmoderne. Im Jahre 1969 – also im Bannkreis der Jugendrevolte von 1968, die sich in diesem Jahr zum 50. Male jährt – erschien ein Text von Maurice Sendak mit dem nur vordergründig paradoxen Titel „Es muss im Leben mehr als alles geben“. Er handelt von einem Hund mit Namen Jennie, der alles im Überfluss hatte, was er benötigte. Und doch verließ Jennie irgendwann ihre scheinbar so vollkommene Welt mit der Begründung: „Ich wünsche mir etwas, was ich nicht habe. Es muss im Leben noch mehr als alles geben.“

 

Der Autor selbst bringt in seinem Text die „Unruhe des Herzens“ ins Spiel, die uns sofort an den heiligen Augustinus denken lässt. Und er zieht aus dieser Unruhe den Schluss: „Das Wichtigste kannst du dir nicht verdienen. Du kannst es dir nur schenken lassen und dankbar annehmen.“ Nicht soziale oder politische Ideologien, nicht materieller Wohlstand und Wohlergehen stellen uns Menschen im Letzten zufrieden: Es bleibt eine Heilssehnsucht, die nur Gott in seiner Gnade stillen kann.

 

„Das wahre Heil des Menschen besteht nicht in Dingen, die er von sich aus erlangen könnte, wie etwa in Besitz oder materiellem Wohlstand, in Wissenschaft oder Technik, Macht oder Einfluss auf andere, gutem Ruf oder Selbstgefälligkeit“ (n. 6). Wenn wir Heilserwartungen an geschaffene Dinge richten, bleiben wir am Ende immer enttäuscht und mit leeren Händen zurück. Der Christ dagegen hält an dem Refrain des priesterschriftlichen Schöpfungsberichtes fest: Nicht die Welt als solche bringt das Übel hervor, vielmehr ist sie gut, weil sie von Gott erschaffen wurde. Was wir in der Schöpfung an Bösem antreffen, hat uns nicht der Schöpfer strukturell vorgegeben, sondern bricht hervor aus unseren Herzen und prägt uns selbst wie auch unsere Welt. „Das Heil, das der Glaube uns verkündet“ – so betont die Glaubenskongregation – „betrifft deshalb nicht nur unser Inneres, sondern unser ganzes Menschsein“ (n. 7).

 

„Als [der Mensch] im Ungehorsam deine Freundschaft verlor und der Macht des Todes verfiel, hast du ihn dennoch nicht verlassen, sondern voll Erbarmen allen geholfen, dich zu suchen und zu finden.“ Wenn die katholische Kirche in der heiligen Messe das (übrigens durch antiochenische Tradition geprägte) Vierte Hochgebet spricht, gedenkt sie des göttlichen Heilsplans in dessen ganzer Breite und Fülle. Das Dokument der Glaubenskongregation rekurriert ebenfalls auf Gottes umfassenden Heilsplan und nennt die Bundesschlüsse, die Erwählung des Volkes Israel und das Kommen des Sohnes, der den Menschen durch seine Heilungen Ahnung vom Heil schenkt, nennt.

 

Christus, der Sohn, hat uns das Heil gebracht, er ist „Lichtbringer und Offenbarer, Erlöser und Befreier, derjenige, der den Menschen vergöttlicht und rechtfertigt“ (n. 9). Da er wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich ist, zeigt sich in ihm selbst auf vollkommene Weise, wie göttliches und menschliches Element im Gnadengeschehen zusammenwirken. Und er, der menschgewordene Logos, erweist zugleich, wie sich das innere Heil in den Strukturen der menschlichen Welt niederschlägt. „Die Annahme des Fleisches ist folglich weit davon entfernt, das Heilswirken Christi einzugrenzen, sondern macht es ihm konkret möglich, das Heil Gottes allen Kindern Adams zu vermitteln“ (n. 10). Christus hat uns nicht nur den Weg zum Vater gezeigt, er istselbst dieser Weg. Und er ist kein einsamer Weg: „So wie Gott die Menschen nicht zu einem Leben in Vereinzelung, sondern zum Zusammenschluss in gesellschaftlicher Einheit erschuf, hat es ihm ebenso »gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen«“, wie schon die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils hervorhebt (n. 32).

 

Wenn Gott Gnaden schenkt, dann bedient er sich dabei für gewöhnlich der Kirche als seines Heilswerkzeugs. Diese legt Zeugnis ab davon, dass niemand seine Erlösung selbst bewirken kann und dass Gottes Heil Gemeinschaft schenkt: sowohl mit Gott als auch untereinander. Im Heilsgeschehen haben die einzelnen Sakramente als „Lebensvollzüge“ des „Ganz- und Wurzelsakraments Kirche“ besondere Bedeutung. Und wie die Sakramente sichtbare, materielle Zeichen sind, die unsichtbare, immaterielle Gnade vermitteln, so heiligen sie auch nicht nur das Innere des Menschen, seine Seele, sondern dessen ganze, den Leib konstitutiv einschließende Person.

 

Die Glaubenskongregation beschließt ihr Schreiben mit dem Appell, durch die Verkündigung der Frohbotschaft einen „aufrichtigen und konstruktiven Dialog mit den Anhängern anderer Religionen aufzubauen im Vertrauen, dass Gott «alle Menschen guten Willens, in deren Herzen die Gnade unsichtbar wirkt», zum Heil in Christus führen kann“ (n. 15). Wir erflehen und wissen zugleich, dass Christus wiederkommen wird, um alles Widergöttliche und Menschenfeindliche in der Welt endgültig vernichtet. Denn „das umfassende Heil, das Heil der Seele und des Leibes, ist die endgültige Bestimmung, zu der Gott alle Menschen ruft“ (n. 15).

 

Meine lieben Brüder und Schwestern, obwohl ich die Fingerzeige dieses Dokument für bedeutsam halte, ist es im Kirchenalltag nahezu untergegangen. Das mag umso mehr erstaunen, als es dazu angetreten ist, einigen Aspekten des skandalisierten Schreibens „Dominus Iesus“ von 2000 nachzugehen. Aber Placuit Deohat kaum Protest ausgelöst, eher „eine gewisse Ratlosigkeit“, wie etwa die Tagespost konstatiert. „Wozu? Warum jetzt? Was ist der Anlass?“, fragt man. Die hier vorgetragenen Warnungen seien besondere Anliegen des Papstes, wird entgegnet. Die Glaubenskongregation hat mit ihrer Analyse nicht einzelne Menschen inkriminieren wollen, sondern zwei unauffällige, aber nicht ungefährliche geistige Strömungen unserer Zeit. Wenn allerdings der Adressatenkreis diffus bleibt, dann fühlt sich oft niemand mehr angesprochen.

 

Nennenswerte Kritik an dem Schreiben der Glaubenskongregation habe ich nur von einer Seite gehört, mit der ich am wenigsten gerechnet habe, weil sie gar nicht angesprochen ist: Der profilierteRabbiner Walter Homolka, Rektor des Potsdamer Abraham-Geiger-Kollegs und Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland, bezeichnete es in einem Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur als Belastung des christlich-jüdischen Dialogs. Placuit Deovertrete ein Menschenbild, das nicht dem Judentum entspreche. Dieses interpretiere die „hebräische Bibel“ dahingehend, dass der Mensch frei zwischen Gut und Böse entscheiden und im Fall eines Irrtums umkehren könne und solle.

 

Es ist nur zu verständlich, dass RabbinerHomolka sich an der Vorstellung stößt, es gebe kein Heil ohne Jesus. Sachlich nicht ganz richtig prangert er noch die angebliche Lehre von Placuit Deoan, „nur in der (katholischen) Kirche [würden] die Menschen selig“, was der Text in dieser Zuspitzung nicht enthält. Homolka sieht durch das Dokument den Konsens gefährdet, dass Gottes Bund mit dem Judentum ungebrochen und gültig ist. Wenn Jesus aber der einzige Retter für alle Menschen sein soll, wird die besondere Rolle Israels als der »ersten Liebe Gottes«links liegen gelassen.“ Der Rabbiner sieht sich nicht als Vertreter des Pelagianismus – das ist ja auch eine innerchristliche Strömung -, meint aber, Pelagius habe „das jüdische Element im Christentum gut vertreten und verteidigt“.

 

Juden seien keine Pelagianer, so Homolka gegen Ende des Interviews, sondern „vor allen Dingen einmal Juden. Und wir glauben, dass auch Nicht-Juden erlöst werden können, wenn sie Gutes anstreben und den Willen Gottes auf Erden zur Wirkung bringen. Auf dieser entspannten Grundlage ruht unsere Position im christlich-jüdischen Gespräch.“ Und abschließend fügt er an, es überrasche ja nicht, „dass Juden, Protestanten und Katholiken sich in ihren religiösen Auffassungen unterscheiden“.

 

Genau bei diesem letzten Gedanken, der nach meinem Empfinden ganz am Anfang des Interviews hätte stehen müssen, möchte ich resümierend ansetzen. Vor allem eins: Wenn Menschen oder auch Gruppierungen unterschiedlicher Meinung sind, dann spricht das nicht gegenden Dialog, sondern ganz entschieden dafür. Unterschiedliche Standpunkte gefährden nicht den Austausch, sondern legitimieren ihn, machen ihn geradezu erforderlich. Aus der Erfahrung des konstruktiven, ja freundschaftlichen Verhältnisses von Kirche und Synagoge in Köln möchte ich herzlich dazu einladen und ermutigen, das Gespräch nicht abreißen zu lassen.

 

Umfassend auf die Kritik antworten kann und will ich hier nicht, sondern nur kurze Hinweise auf offenkundige Missverständnisse geben: Den freien Willen des Menschen, den Homolka beschwört, kennen zumindest auch die katholischen, orthodoxen und orientalischen Kirchen. Und auch der Ruf zur Umkehr ist uns keineswegs fremd; geradezu programmatisch erklingt er schon in der „Urverkündigung“ Jesu wie auch des Täufers Johannes: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15).

 

Gott bedient sich gemäß unserem Glauben der Kirche als seines eigentlichen Heilswerkzeuges. Wer die Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils oder des Katechismus der Katholischen Kirche aufmerksam liest, weiß, dass Gott aber nicht an dieses Instrument gefesselt ist, sondern darüber hinaus andere, darauf hingeordnete Wege kennt. Gerade den Juden sprechen wir Christen die Heilsbedeutung nicht ab, wie ja schon Jesus im Johannesevangelium der Samariterin sagt: „Das Heil kommt von den Juden“ (4,22). Und der Apostel Paulus fügt in seinem Brief an die Römer hinzu: „Sie sind Israeliten; ihnen gehören die Sohnschaft, die Herrlichkeit und die Bundesschlüsse; ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen; ihnen gehören die Väter und ihnen entstammt der Christus dem Fleische nach“ (9,4-5). 

 

Dass Juden undChristen, ja alle Menschen guten Willens erlöst werden können, findet sich ebenfalls in den katholischen Glaubenszeugnissen. Das Missverständnis, das bei Homolka anklingt, hat in der katholischen Dogmengeschichte zu dem sogenannten „Gnadenstreit“ des 17. und 18. Jahrhunderts geführt. Grob gesagt wurde hier darüber gestritten, wieviel Gnade und wieviel menschliches Tun zu einem guten Werk gehören. Man übersah, dass die Gnade Gottes und das Wirken der Menschen nicht in einem prozentual darstellbaren Verhältnis zueinander stehen. Wenn etwas Heilsbedeutsames geschieht, dann ist das immer ganzGottes Tun und zugleich ganzdas der Menschen. Denn die menschliche Freiheit, die Rabbiner Homolka zu Recht postuliert, gibt es deshalb – und nurdeshalb -, weil sie ganz und gar von Gottes Liebe und Gnade umfangen und getragen ist. Wie schreibt der heilige Paulus so treffend an die Philipper: „Wirkt mit Furcht und Zittern euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt zu seinem Wohlgefallen“ (2,12-13). Gottes Zuwendung schließt die Autonomie des Menschen nicht aus, wie der Existentialismus es befürchtet, sondern ermöglicht diese vielmehr überhaupt erst.

 

Die Liebe und Gnade, die Gottes Wesen ausmacht und in der er sein Volk Israel leitet, trägt alle Menschen auch und gerade dann, wenn sie aus freiem Willen Gutes anstreben und Gutes tun. Das zeigt sich doch schon im Alten Testament, wenn Gott durch den Propheten Jeremia ankündigt, nunmehr werde er den Israeliten seine „Weisung … auf ihr Herz schreiben“ (Jer 31,33)! Und muss nicht auch nach dem Propheten Ezechiel Gott zunächst seinen Geist in das Innere der Menschen geben und so selbst bewirken, dass diese seinen Gesetzen folgen und auf seine Rechtsentscheide achten und sie erfüllen“ (Ez 36,27)? Vielleicht sind christliches und jüdisches Gnadenverständnis ja doch nicht so weit voneinander entfernt, wie Herr Rabbiner Homolka es befürchtet.

 

Eminenz, sehr verehrter Herr Metropolit, sehr geehrte Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder, ein Dokument ist und bleibt nichts mehr als Papier und Tinte, wenn man es nur zur Kenntnis nimmt. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass es nicht nur innerkatholisch bedeutsam ist, sondern der Ost- und der Westkirche ein weites Feld gemeinsamen Tuns und Bezeugens eröffnet. Gerade die ostkirchliche Tradition verbreitet in der Fülle ihres geistlichen und liturgischen Reichtums eine Faszination, mit der sie oft selbst Fernstehende anspricht. Nehmen Sie es darum bitte nicht nur als persönliches Kompliment, wenn ich sage: Unsere Gesellschaft braucht heute mehr Orthodoxie, mehr Verleiblichung des göttlichen Urbilds in menschlichen Abbildern, die uns zeigt, wie wir den lebendigen und gnädigen Gott auf rechte Weise bezeugen können und ihn zugleich auf rechte Weise preisen dürfen. Helfen Sie uns bei dem Bemühen, die Menschen mit dem Glanz göttlicher Gnade zu erleuchten!

 

Auf diese Weise machen wir nämlich gemeinsam unsere Hoffnung fest in der Verheißung des Gottes, den Jesus Christus verkündet hat. Mehr noch: Als Christen setzen wir darauf, dass das, was wir erhoffen, jetzt schon im Fragment, im Angeld wirksam ist. Wir glauben, dass die erhoffte Freiheit nicht einfach ausständig ist, sondern sich jetzt schon in der Kraft des Glaubens, im Mut der Hoffnung und in der Tätigkeit der Liebe fragmentarisch vollzieht, dass wahre Freiheit mithin jetzt schon anhebt – als geschenkte Freiheit, als Gnade. Wer glaubt, hofft und liebt, erfährt in aller Dunkelheit diese Freiheit. Er erfährt, dass der Glaube an Jesus Christus ihn trägt, ihm Freiheit schenkt und noch größere verheißt, so dass der Glaubende mit Petrus zu Christus sagen kann: „Zu wem  sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68), oder ein wenig variiert: Wo denn sonst können wir Freiheit und Erfüllung unseres Menschseins finden als in Dir allein, Herr. (vgl. Greshake, Geschenkte Freiheit S.122).