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05.03.2019 12:36 Alter: 140 days

Hirtenbrief zum Beginn der heiligen großen vierzigtägigen österlichen Fastenzeit

+ Bartholomaios durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom, und Ökumenischer Patriarch dem ganzen Volk der Kirche


Dank der Gnade Gottes, der alles gewährt, sind wir auch in diesem Jahr wieder zur heiligen großen Fastenzeit gelangt, zur Rennbahn der asketischen Kämpfe, um uns mit dem Beistand des Herrn in Gebet, Fasten und Demut zu reinigen und auf den Mitvollzug der heiligen Leiden und die Feier der strahlenden Auferstehung Christi, des Erlösers, vorzubereiten.

Mitten in einer Welt vielfältiger Verwirrungen bedeutet die asketische Erfahrung der Orthodoxie einen äußerst kostbaren geistlichen Schatz, eine unerschöpfliche Quelle der Gottes- und der Menschenkenntnis. Die gesegnete Askese, deren Geist unsere gesamte Lebensweise prägt – „das ganze Christentum ist eine geistliche Übung“ – ist kein Privileg weniger oder einiger Auserwählter. Vielmehr ist sie eine „kirchliche Haltung“, ein gemeinsames Gut, ein gemeinsamer Segen, eine gemeinsame Berufung aller Gläubigen ohne Ausnahme. Die asketischen Mühen sind gewiss kein Selbstzweck. Es gilt nicht die Devise: „Askese um der Askese willen“. Das Ziel ist die Überwindung des Eigenwillens und des „Trachtens des Fleisches“, die Verlagerung der Lebensmitte von der individuellen Begierde und dem Anspruchsdenken zu jener Liebe, „die nicht das Ihre sucht“ – entsprechend dem biblischen Grundsatz: „Niemand suche das Seine, sondern das, was dem anderen dient!“ (1 Kor 10,24)

Dieser Geist beherrscht die gesamte Geschichte der Orthodoxie. In dem „Neon Meterikon“ – einer Sammlung von Sprüchen geistlicher Mütter – begegnen wir einer wunderbaren Beschreibung dieses Ethos des Verzichts auf das „Meine“ im Namen der Liebe: „Einst kamen einige Einsiedler aus der Sketis zur heiligen Mutter Sara. Diese setzte ihnen einen Korb vor, der nur einfachste Speisen enthielt. Doch die Väter ließen die guten übrig und aßen nur die faulen. Da sagte die ehrwürdige Sara zu ihnen: Ihr seid in der Tat Bewohner der Sketis.“ Dieses Verständnis und dieser opfermütige Gebrauch der Freiheit sind dem Geist unserer Epoche, die die Freiheit mit individuellen Ansprüchen und dem Beharren auf das eigene Recht identifiziert, fremd. Der heutige „autonome“ Mensch würde nicht die verdorbenen, sondern die guten Früchte gegessen haben und wäre davon überzeugt, dass er durch dieses Verhalten seine Freiheit auf authentische und verantwortungsbewusste Weise zum Ausdruck gebracht hätte.

Dieser Unterschied zeigt die hohe Bedeutung der orthodoxen Auffassung von der Freiheit für den heutigen Menschen. Es handelt sich um eine Freiheit, die nicht fordert, sondern schenkt, keine Ansprüche erhebt, sondern sich opfert. Der orthodoxe Gläubige weiß, dass Autonomie und Autarkie den Menschen nicht vom Joch seines Ichs, seiner Selbstverwirklichung und seiner Selbstrechtfertigung befreien können. Die Freiheit, „zu der Christus uns befreit hat“ (Gal 5,1), stärkt die kreativen Kräfte des Menschen und realisiert sich als Weigerung, sich auf sich selbst zurückzuziehen, als voraussetzungslose Liebe und als Gemeinschaft des Lebens.

Das orthodoxe asketische Ethos kennt weder Spaltung noch Dualismus. Es lehnt das Leben nicht ab, sondern verwandelt es. Die dualistische Sicht und Verneinung der Welt ist unchristlich. Die wahre Askese ist von Licht und Menschenliebe erfüllt. Dass die Fastenzeit von einer Kreuz und Auferstehung verbindenden Freude durchdrungen ist, ist ein Kennzeichen des orthodoxen Selbstbewusstseins. Auch die asketischen Kämpfe der orthodoxen Christen verströmen, wie überhaupt unsere Spiritualität und unser liturgisches Leben, den Duft und das Licht der Auferstehung. Das Kreuz befindet sich zwar im Zentrum der orthodoxen Frömmigkeit, doch ist es nicht der letzte Bezugspunkt des Lebens der Kirche. Dieser ist vielmehr die unaussprechliche Freude der Auferstehung, zu der wir nur auf dem Weg des Kreuzes gelangen. Dementsprechend bleibt auch in der Großen Fastenzeit die Sehnsucht nach der „gemeinsamen Auferstehung“ die Mitte des Erlebens der Orthodoxen.

Bittet und betet, verehrte Brüder und Kinder im Herrn, dass wir gewürdigt werden, durch Gottes Billigung und Beistand und auf die Gebete der Gottesgebärerin und aller Heiligen die Rennbahn der heiligen Großen Fastenzeit zu durchlaufen, heiter und im Gehorsam gegenüber den Normen der kirchlichen Überlieferung den „gemeinsamen Kampf“ des leidenschaftstötenden Fastens zu kämpfen, im Gebet auszuharren, den Leidenden und den Bedürftigen beizustehen, einander zu verzeihen und „in allem Dank zu sagen“ (vgl. 1 Thess 5,18), um mit Hingabe die „heiligen, heilsamen und furchterregenden Leiden“ und die lebenspendende Auferstehung unseres Herrn und Gottes und Erlösers Jesus Christus zu verehren. Ihm sei Ehre, Macht und Danksagung in alle Ewigkeit. Amen.

 

Heilige Große Fastenzeit 2019

+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel

Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott